07.09.2016

Schriesheim: Syrer Hussein Hajothman jobbt für den eigenen Computer

Momentan arbeitet Hussein in einem Supermarkt – Später will er mal Informatik studieren

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Hussein Hajothman mochte Aleppo. Die Millionenstadt im Norden Syriens war seine Heimat, und immer gab es etwas zu tun. Seinen Realschulabschluss hatte der 16-Jährige schon in der Tasche. Noch ein Jahr wäre es zur Hochschulreife gewesen. Jetzt ist er davon fast so weit entfernt wie von seiner Heimat.

"Früher war alles so gut dort, dann kam der Krieg", sagt er. Zu Fuß flohen Hussein, seine vier Geschwister und seine Mutter in die Türkei, der Vater hatte sich schon vorher auf den Weg nach Deutschland gemacht. Über die Balkanroute ging es für die Hajothmans wie für so viele syrische Familien im Herbst weiter nach Deutschland. Von München wurden sie nach Karlsruhe gebracht, dann nach Schriesheim.

Leicht hatte Hussein es nicht in seiner neuen Heimat. Zu siebt ist es in der Carl-Benz-Straße ganz schön eng, und seine kleinen Geschwister haben viel Energie. Vormittags konnte er bald einen Deutschkurs in der Johann-Philipp-Reis-Schule in Weinheim beginnen, nachmittags herrschte dagegen meist gähnende Langeweile.

"Ich bin einfach mit meinem Fahrrad durch die Stadt gefahren und habe im Internet gesurft", erinnert er sich. Als er dann die Nachricht bekam, dass er als Praktikant beim Edeka Aktiv Markt anfangen könne, freute er sich über die neue Beschäftigung.

Obwohl er für sein fast einmonatiges Praktikum kein Gehalt bekommen hat, ist er froh über diese Erfahrung: "Ich habe viel Deutsch gelernt, als ich dort gearbeitet habe. Die Kollegen waren sehr nett und haben mir viel geholfen."

Das war wichtig, denn Hussein ist ein schüchterner Jugendlicher, es fällt ihm schwer, auf andere Menschen zuzugehen. Immer wieder merke er, dass die Leute ihm misstrauisch begegnen, sagt er: "Manchmal haben die Leute vielleicht Angst, weil ich ein Asylbewerber bin." Die Flüchtlinge würden nur zu Hause herumsitzen und nichts tun, dächten viele Leute. Gerade deswegen ist Hussein froh, in den Sommerferien eine Beschäftigung gehabt zu haben.

Es gefällt ihm in Schriesheim: "Die Leute sind sehr freundlich. Meiner Familie wurde viel geholfen", sagt Hussein. Auch die deutsche Sprache zu lernen, sei eine tolle Gelegenheit, findet er. Außerdem falle ihm das vergleichsweise leicht. Inzwischen hilft ihm auch seine kleine Schwester viel, sie hat immerhin schon das B1-Level erreicht.

Die Sprache ist der Schlüssel zu seiner weiteren Schulbildung: So weit er auch von seinem Abitur entfernt sein mag, gibt er die Hoffnung auf ein Studium nicht auf. "Wenn ich gut Deutsch kann, würde ich gern direkt aufs Gymnasium in die elfte Klasse gehen", sagt er. Sein syrisches Abschlusszeugnis der zehnten Klasse hat er noch.

Studieren will er "Computer Engineering", also technische Informatik. Eigentlich hätte er das gern in Aleppo getan, jetzt kann er sich aber auch Heidelberg als Studienort gut vorstellen. Momentan hat er keinen Computer, weil er sich so etwas schlicht nicht leisten kann. Da er aber beim Edeka Aktiv Markt ab Schuljahresbeginn in Teilzeit arbeiten darf, könnte sich das bald ändern.

Gar nichts ändern wird es aber am Heimweh. Hussein vermisst Aleppo schmerzlich: "Man kann dort im Moment nicht leben. Aber wenn der Krieg vorbei ist, will ich wieder dorthin zurück." Wann oder gar ob das jemals passieren wird, weiß er nicht.

Auf jeden Fall will er so lange in Deutschland weiterlernen. Die Jahre in Schriesheim sollen auf keinen Fall umsonst gewesen sein.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung