19.01.2017

Als die Heidelberger Straße in Schriesheim noch der "Kreisweg No. 21" war

Beim Ausräumen des Grundbuchamts tauchten überraschend zwei alte Karten aus den Jahren 1913 und 1919 auf

Der "Ortsbauplan der Gemeinde Schriesheim" aus dem Jahr 1919 zeigt vor allem viele Felder, die noch gar nicht bebaut sind, etwa in der Plöck oder im Steinach-Gebiet (Planausschnitt links). Viele Straßen hatten andere Namen als heute. So hieß die Schillerstraße etwa noch "Eisenbahnstraße", die Sofienstraße schlicht "Parallelstraße II". Fotos: Dorn

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Jahrelang lagen sie unbeachtet in einer Ecke. "Ich wollte die Dinger gar nicht anfassen, sie waren so schmutzig", sagt Wilhelm Körbel vergangene Woche. Doch als nun das Archiv des Grundbuchamts ausgeräumt und abgeholt wurde, holte der Grundbuchamts-Leiter die schmuddeligen grauen Rollen hervor, guckte genauer hin und merkte, dass er da zwei Kleinode gerettet hatte.

Vorsichtig breitet er das gerollte, auf graues Leinen gezogene Papier auf seinem Schreibtisch aus: Zwei Karten kommen zum Vorschein - eine von 1913, eine von 1919. Und beim Betrachten hat man das Gefühl, eine kleine Zeitreise zu unternehmen.

Die ältere, brandfleckig und gelbstichig, zeigt Schriesheims Steinbrüche. Unten links sieht man die Strahlenburg, darüber den Ölberg und in der Mitte die durchnummerierten Abbruchkanten. Etwa in der Mitte fällt Schriesheims einstiges Wahrzeichen auf, der Edelstein.

Das markante Naturdenkmal fiel später einer Sprengung zum Opfer; bis heute wird darüber gerätselt, ob sie tatsächlich unbeabsichtigt erfolgte oder ob der Fels nur der weiteren Ausbeutung des Steinbruchs im Weg stand und deshalb weichen musste. Ironischerweise steht bei seinem Abbild ein kleiner Vermerk: "Unter Schutz gestellt."

Fast noch interessanter ist der zweite Plan: Mit leisem Rascheln gibt das Papier nach. Vor dem Betrachter breitet sich das Straßennetz des Dorfes aus, man sieht Wege, Plätze, von Hand kolorierte Grünanlagen und vor allem unendlich viele Felder mit eingezeichneten Flurstücknummern. Sie sind mit Tinte farbig umrandet.

Die Legende erklärt, dass sie entweder bald oder in späterer Zeit zur Bebauung vorgesehen sind. Felder sind da, wo es heute Geschäfte, Plätze, Wohn- und Gasthäuser im Steinach-Gebiet, dem Schriesheimer Süden und westlich der B 3 gibt. Felder und Gärten breiten sich jenseits der alten Siedlungsgrenzen aus, und Felder sind auch an der Stelle des jetzigen Festplatzes.

Doch dort, mitten auf der Schnittstelle von etwa 13 Grundstücken, ist ein riesenhafter Umriss eingezeichnet und rötlich gestrichelt - ein Bauvorhaben, das hier vor fast 100 Jahren einmal geplant war?

Straßennamen gibt es nicht viele im Schriesheim des Jahres 1919: Man liest zwar "Rosengasse" und "Passein", doch die Heidelberger Straße ist streckenweise als "Kreisweg No. 21" verzeichnet, und die heutige Schillerstraße hieß damals noch "Eisenbahnstraße". Die Sofienstraße musste sich mit der profanen Bezeichnung "Parallelstraße II" abfinden, während die Ellwanger- noch "Kanzelbachstraße" hieß und der Kehlweg als "Köhlweg" auf dem Plan steht.

Sie macht neugierig, diese alte Straßenkarte, erklärt viel und gibt ebenso viele Rätsel auf: Warum verlaufen manche Straßen heute anders als damals geplant? Was sollte auf dem Festplatz gebaut werden?

Eines ist Körbel auf jeden Fall klar: Die Pläne sollen nicht wieder in der Versenkung verschwinden, sondern schön präsentiert werden. Am liebsten wäre es ihm, sie gerahmt und hinter Glas an einer gut sichtbaren Stelle aufzuhängen: "Denn so etwas interessiert die Leute ganz bestimmt." Beim Rahmen sind die Pläne bereits.

Copyright (c) rnz-online

Als die Heidelberger Straße in Schriesheim noch der "Kreisweg No. 21" war-2

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung