07.03.2017

Hoffmeister-Kraut überzeugte im persönlichen Gespräch auf dem Mathaisemarkt

Als Festrednerin der BDS-Mittelstandskundgebung riss die Landeswirtschaftsministerin nicht mit

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Die Landeswirtschaftsministerin ließ sich Zeit. Bei der Anreise. Beim Beantworten der Pressefragen im Gästehaus "Weinstuben Hauser". Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Bei ihrem Rundgang durch das Gewerbezelt. Und vor allem in persönlichen Gesprächen. So überzeugte Nicole Hoffmeister-Kraut mehr unter vier Augen mit ihrer aufgeschlossenen Art als durch ihre Ausführungen als Festrednerin der gestrigen Mittelstandskundgebung des Bundes der Selbstständigen (BDS).

Es war lange Zeit eher der Fachvortrag einer politischen Quereinsteigerin als eine mitreißende Festzeltrede. So war der Applaus aus den nicht voll besetzten Bankreihen am Ende freundlich, aber nicht frenetisch.

Abends musste Hoffmeister-Kraut noch zu einer Kabinettssitzung nach Stuttgart. Also war die Kundgebung eine halbe Stunde vorverlegt worden, um dann doch nur 15 Minuten früher als sonst zu beginnen. Eben weil die Ministerin die Ruhe weg hatte.

Der Mathaisemarkt, er sei eine Institution seit Jahrzehnten, sagte sie beim "Hauser". Nun wird der Markt heuer zum 438. Mal gefeiert. Aber was soll’s? Sie meinte es schon richtig, zeigte sich geehrt, in die prominent besetzte Festrednerliste aufgenommen zu werden und nannte den Mittelstand bereits hier "das Rückgrat der Gesellschaft". Was man so sagt. Doch man nahm es ihr ab.

Richtig sympathisch, wie sie sich dann ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Bedächtig füllte sie Zeile um Zeile, hielt zwischendurch immer wieder inne, auch um mit den Fotografen zu plaudern, während BDS-Präsident Günther Hieber neben ihr schon begann, nervös mit den Fingerkuppen auf den Tisch zu klopfen. Keine Eile auch in der BDS-Leistungsschau auf dem Festplatz.

Fünf Minuten, bevor nebenan die Kundgebung beginnen sollte, betrat Hoffmeister-Kraut überhaupt erst den Gastrobereich. Bei den Jäcks warteten wie immer die "Montagsmädels". Sie schenkten der Ministerin Schoko-Taler, die der Gemeinderat tags zuvor im Festzug unters Volk geworfen hatte, und Bürgermeister Hansjörg Höfer bekam einen Wurstring als neue Amtskette.

Hoffmeister-Kraut lächelte, drehte bei "Sharam Hairdesign" das Glücksrad, hielt an der Nähgalerie und ließ sich von Zweiradtechniker Leonardo Scali eine BMW erklären, an der er gerade schraubte. Dabei wich Schriesheims BDS-Chef Rolf W. Edelmann sichtlich zufrieden nicht von der Seite des Ehrengastes. Die Ministerin war begeistert von der Leistungsschau: "Es lohnt sich, hier auszustellen - trotz des Internets. Man sieht, was Menschen bewegen können, und man lernt sich hier kennen."

Einiges hatte sie auch über ihre Gastgeber schnell gelernt: Erstens wie man Schriesheim richtig schreibt, zweitens, dass man hier gerne isst, trinkt und genießt. "Diese Stadt liegt Ihnen", sagte Höfer daher in seinem Grußwort im Festzelt, um dann ernst zu werden.

Er hoffte, dass der neue Nationalismus nur ein Aufflackern sei. Arbeitsplätze würden am Export hängen. Umso besorgter zeigte er sich angesichts des Brexits oder der neuen Töne aus den Vereinigten Staaten.

Doch auch in seiner Stadt gibt es Herausforderungen. Höfer nannte die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen exemplarisch und rief gerade das Handwerk dazu auf, durch Arbeitsplätze einen Beitrag zur Integration zu leisten.

Hieber hatte zuvor in seiner Rede die generelle Sonntagsöffnung zurückgewiesen und öffentliche Auftraggeber für ihr ausschließliches Interesse an "Dumpingangeboten" gegeißelt. Auch kleinen Mittelständlern legte er nahe, bei der Digitalisierung mitzuziehen. Für diese bräuchten Gewerbevereine zudem Fördermöglichkeiten des Landes. Etwa für "virtuelle Kaufhaus-Projekte". Positiv bewertete der BDS-Präsident, dass es wieder Zuschüsse für Leistungsschauen geben soll.

Vor der Ministerin sprach auch Weinkönigin Lisa. Als Touristik-Studentin wisse sie um die Bedeutung des Mittelstandes. 2500 Reisebüros seien mittelständisch geprägt. Hier sei man nah am Kunden.

Und weil sie vom Fach und auch Repräsentantin der Stadt ist, warb sie für Schriesheims Charme, die Altstadt, den Wein, die mittelständischen Betriebe vor Ort und für den Mathaisemarkt. Hoffmeister-Kraut sagte später, sie würde gerne mal wiederkommen. Mal sehen, ob sie der BDS wieder einlädt. > Metropolregion, S. 9

Hintergrund

> Georg Wacker, CDU-Landtagsabgeordneter: "Sie ist die authentische Stimme des Mittelstands in Baden-Württemberg. Man hat gemerkt, sie ist mit vollem Herzen Mittelständlerin."

> Gerhard Kleinböck, SPD-Landtagsabgeordneter: "Ich habe nicht erwartet, dass sie das Festzelt zum Kochen bringt, insofern wurde meine Erwartungshaltung erfüllt. Sie ist keine Festzeltrednerin."

> Stefan Dallinger, Landrat: "Eine sehr kompetente und fachliche Rede, die dem Mittelstand aus der Seele gesprochen hat. Es ist gut, eine reine Wirtschaftsministerin zuhaben, die sich Wirtschaftshemen widmen kann. Im zweiten Teil war die Rede durchaus dem Festzelt angemessen."

> Eckart Würzner, Oberbürgermeister von Heidelberg: "Es ist hervorragend, dass es hier noch die Möglichkeit gibt, in einem Festzelt zum Mittelstand zu sprechen; dieser braucht klare Signale, gerade Familienunternehmen. Die Ministerin hat diese Gelegenheit genutzt und hat Positionen bezogen für den Mittelstand."

> Karl A. Lamers, CDU-Bundestagsabgeordneter: "Es war eine großartige Rede; gut hat mir die Kritik an Martin Schulz gefallen. Man darf den Menschen nicht alles versprechen und zerstören, was mit Schröders "Agenda 2010" erreicht wurde. Die Besucher haben an ihren Lippen gehangen, es gab keinerlei Störungen im Zelt."

> Peter Riehl, Alt-Bürgermeister und Ehrenbürger: "Das war sicher nicht die typische Festzeltrede, aber ich fand sie hervorragend."

> Manuel Just, Bürgermeister von Hirschberg: "Es war eine sehr strukturierte, gut organisierte Rede, in der alle aktuellen Themen angesprochen wurden. Es ist schade, dass es ihr nicht gelungen ist, das Festzelt mitzureißen."

> Nicole Hoffmeister-Kraut, Festrednerin: "Ich bin beeindruckt vom Engagement hier in der Gesellschaft. Über diesen Termin hier habe ich mich richtig gefreut, so etwas gibt es nicht alle Tage, und es sagt viel über die Region aus. Ich bin überwältigt von der Gastfreundschaft in Schriesheim."

> Hansjörg Höfer, Bürgermeister: "Die Frau war beeindruckend. Sie ist sehr gut angekommen, auch wenn es keine Haudrauf-Rede war. Die Ministerin hat die Zukunft im Blick und stellt die richtigen Fragen."

> Rolf W. Edelmann, BDS-Vorsitzender: "Sehr flüssig, sehr umfangreich. bis in die letzte Ecke war Aufmerksamkeit und Ruhe da." sk

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung