15.08.2017

Wohnungslose üben Neustart auf dem Mühlenhof

In der Stille der Natur wagen auf dem Mühlenhof: Schafe treiben zum Runterkommen - Kein Tag ist dort wie der andere

Von Christina Schäfer

Schriesheim. Heinz Waegner ist ein Mensch, den auf den ersten Blick nichts aus der Ruhe bringen kann. An diesem Sommernachmittag passt sein Naturell zur Atmosphäre auf dem Mühlenhof wie der Korken auf die Flasche: Es ist still, die Ziegen am Eingang zum Hof scheinen in der Schwüle das Meckern aufgegeben zu haben, auch Hühner und Enten sind zu träge zum Gackern. Auf der Terrasse des angegliederten Wirtshauses sind die Stühle an die Tische geklappt. Nichts deutet auf das hin, was hier eigentlich Alltag ist: Arbeit.

Und davon jede Menge. Arbeit, die zu einem großen Teil von Menschen verrichtet wird, die am Rand der Gesellschaft stehen. Der Mühlenhof ist der Wiedereingliederungshilfe der Evangelischen Stadtmission Heidelberg angeschlossen, die sich mit dem Projekt der Hilfe für wohnungslose Menschen verschrieben hat. Einer von ihnen ist Mario Bickel. Er treibt in diesen Minuten die Schafe auf die Wiese am Hang oberhalb des Wirtshauses.

"Wenn ich rumhocken muss, fällt mir die Decke auf den Kopf", sagt der 44-Jährige, der täglich sechs Stunden auf dem Mühlenhof anpackt. Mario Bickel ist das Arbeiten gewohnt. 18 Jahre schleppt er Möbel. Dann streikt sein Körper. Er muss kürzertreten, fängt nach einer Rekonvaleszenz wieder an zu arbeiten. Im vergangenen Jahr erleidet er einen Rückfall. "Da haben mich alle hängenlassen. Und dann habe ich alles hingeschmissen", erzählt er. Sein Weg ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie Menschen in die Obdachlosigkeit geraten. "Sie laufen vor einer Situation weg", so erklärt es Heinz Waegner. Das Weglaufen führt Bickel von Göttingen nach Heidelberg. Hier kommt er im Wichernheim unter, einer der Einrichtungen der Wiedereingliederungshilfe. Ihr Leiter: Heinz Waegner.

"Es geht danach, wer Interesse hat. Mit Zwang geht nix", antwortet Waegner auf die Frage, welche Bewohner des Wichernheims auf dem Mühlenhof arbeiten. Es sind vier bis fünf, dazu kommen ein festangestellter Mitarbeiter und derzeit drei FSJler - fünf könnten es sein, wenn alle Stellen besetzt wären. Zudem helfen die Betreuten des kooperierenden Vereins "Incluso", der sich um Menschen mit Behinderung kümmert. Arbeit gibt es für noch viele mehr. Etliches machen daher Heinz Waegner und seine Ehefrau Petra auch außerhalb des eigentlichen Arbeitstags. Seit Eröffnung des Projekts wohnt das Ehepaar auf dem Mühlenhof, ist auch an den Wochenenden aktiv, wenn der Hof seine Türen für Besucher öffnet.

Der Tag fängt dort früh an. In den Sommermonaten beginnt die Arbeit um 7.30 Uhr - auch für die Helfer. Tiere versorgen, Ställe ausmisten, Weiden mähen - das ist die Routine. Eine Routine, die gerade für die Menschen aus dem Wichernheim wichtig ist, denn ihre Tage erhalten dadurch eine Struktur. Gleichzeitig erleben sie Gemeinschaft - etwa beim Mittagessen, das häufig Petra Waegner kocht. Dann sitzen teils 20 Menschen miteinander am Tisch. Eine Zeit, die auch Mario Bickel schätzt: "Da fühle ich mich gut aufgehoben." Für ihn ist zudem neu, was für viele Arbeitnehmer selbstverständlich ist: "Ich hatte früher nie eine Stunde Pause", sagt er mit Blick auf die Mittagspause. Gleichzeitig ist die Zeit der Ruhe für ihn nicht leicht. Er ist nicht der Einzige, dem es so geht: "Viele von ihnen müssen erst wieder ein Freizeitverhalten lernen", weiß Heinz Waegner. Und "runter-kommen". Dabei hilft das Arbeiten in der Stille der Natur.

Bei aller Verantwortung für Mensch und Tier hat der Mühlenhof auch ein finanzielles Bestreben. "Wir sind zwar unter einer kirchlich-christlichen Trägerschaft, aber die schwarze Null sollte trotzdem stehen", sagt Waegner. So gibt es Angebote zum Pädagogischen Reiten, Pferdedeckenreinigung, Marmeladenverkauf, Lammfleisch, eine Zirkuswagenvermietung für Übernachtungen und Kindergeburtstage. Speziell bei Letzterem sind die FSJler aktiv.

Einer von ihnen ist Oskar Dahm. Er ist seit Mai auf dem Mühlenhof. "Das Arbeiten in der Natur und mit Obdachlosen interessiert mich", begründet er seine Entscheidung für die Einrichtung. Nach sechs Monaten wird er sein FSJ im Wichernheim fortsetzen. Andere FSJler bleiben länger - und prägen die Einrichtung auch, nachdem sie weg sind. Heinz Waegner zeigt auf einen Barfußpfad, angelegt von einer früheren FSJlerin: "Wir möchten, dass die jungen Menschen hier ihre Spuren hinterlassen."

Seine Motivation seien die Menschen, bringt es Heinz Waegner später auf den Punkt. "Wohnungs-lose haben keine Lobby. Aber es ist wichtig zu zeigen, dass sie etwas zu leisten bereit sind", bricht er eine Lanze für seine Schützlinge. Sie könnten und wollten etwas für die Gemeinschaft beitragen, so Waegner. Und wenn man ihn und seine Ehefrau Petra nach einer Geschichte fragt, jener, die all das Arbeiten und die hohe Verantwortung rechtfertigt, dann glänzen zwei Augenpaare. Diese Geschichte gibt es, beide erzählen sie mit viel Herz.

Und in diesem Zug fällt Heinz Waegner noch etwas zur Motivation ein: "Es ist kein Tag wie der andere." Ja, das stimme, pflichtet Petra Waegner ihrem Mann bei - doch ihr Lächeln zeigt, dass sie das Unplanbare gerne hin und wieder durch das Geplante ersetzen würde. Auch das ist ein zutiefst menschlicher Wunsch an einem Ort, der für Begegnungen von unterschiedlichsten Menschen ein Paradebeispiel ist.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung