28.08.2017

Die Ersatzmutter des Klammeraffen

Die Ersatzmutter des KlammeraffenSarah Ullrich verbrachte fünf Monate mit Tieren im ecuadorianischen Regenwald

Sarah Ullrich verbrachte fünf Monate mit Tieren im ecuadorianischen Regenwald

28.08.2017, 06:00 Uhr

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Sie habe sich in diesem halben Jahr verändert, sagen ihre Familie und Freunde. "Fröhlicher, entspannter, selbstbewusster" soll sie geworden sein, erzählt Sarah Ullrich. "Ich selbst merke den Unterschied nicht so besonders." Etwas mehr als fünf Monate hat sie im Regenwald Ecuadors verbracht und bei der Aufzucht und Auswilderung von illegal eingefangenen Tieren geholfen. Für sie war es ein Traumjob, den rund 5000 Euro teuren Freiwilligeneinsatz finanzierte und organisierte die 19-Jährige selbst.

Dabei begann ihre Zeit in Mittelamerika alles andere als verheißungsvoll: Als sie in der ecuadorianischen Hauptstadt landete, kam der versprochene Abholdienst ihres "Hostals", der Jugendherberge, in der sie während ihres zweiwöchigen Spanischkurses wohnen wollte, nicht. "Irgendwann hat mich eine Frau angesprochen, die mich schließlich in ihrem Auto mitgenommen hat", sagt Ullrich, "und an der Adresse angekommen, habe ich gesehen, dass es das Hostal gar nicht mehr gibt."

Glücklicherweise war ihre Fahrerin Angestellte in einem Hotel, wo Ullrich übergangsweise unterkommen konnte. Und obwohl sich die Spanisch-Kenntnisse der Abiturientin auf ein halbes Jahr Spanisch-AG und einen Monat Selbststudium und die zwei Wochen Sprachkurs beschränkten, schaffte sie es nach Puyo am Rande des Amazonasbeckens. Sieben Stunden dauerte die Busfahrt.

Dort begann sie ihre Arbeit im "ZooRefugio", einer Mischung aus Tierpark und Auswilderungsstation. Verschiedene Affenarten, ein Puma und ein Jaguar haben dort genauso ein vorübergehendes Zuhause gefunden wie Weißbrust-Tukan Tony und zahlreiche Tapire. Ullrich schnitt das Futter für die Tiere, reinigte deren Käfige und wurde zur Ersatzmutter eines Klammeraffen, der sich das Bein gebrochen hatte.

140 Euro pro Woche zahlte sie dort für Unterkunft und Essen, bei sechs Arbeitstagen pro Woche. "Viele haben gesagt: Zahlen und arbeiten, das geht ja gar nicht", sagt Ullrich, "aber es hat mir Spaß gemacht, das war nicht wirklich wie Arbeit." Selbst wenn sie nach sturzflutartigen Regenfällen nicht schwimmfähige Schildkröten evakuieren oder einen Tapir wieder einfangen musste.

Probleme mit dem Klima habe sie keine gehabt, sagt sie, nur in Weihnachtsstimmung sei sie bei den tropischen Temperaturen nicht gekommen. Die Festtage verbrachte sie bei den "Kichwa", den indigenen Bewohnern der Region, die ihr gleich ihre Spezialität "Chicha" servierten. "Dafür wird eine Yucca-Wurzel gekaut, ausgespuckt und dann gegoren", erklärt Ullrich und lacht, "als ich es probiert habe, wusste ich noch nicht, dass das heute immer noch so hergestellt wird."

Anfang des Jahres wechselte Ullrich ihre Einsatzstelle: Vom "ZooRefugio" ging es zunächst zum weniger stark besuchten "YanaCocha"-Park, dann weiter in den Regenwald hinein zum "SachaYacu"-Projekt. Die Aufgaben blieben die gleichen, doch das Umfeld veränderte sich: eine Stunde Strom am Tag, eine Autostunde von der nächsten Stadt entfernt, kein warmes Wasser. Für Ullrich war das aber kein großes Problem: "Ohne Internet lebt es sich viel entspannter, und es ist schön, wenn man nachts die Tiere des Regenwalds hört."

Dort, mitten im Dschungel, habe es ihr am besten gefallen, sagt Ullrich: "Ich hätte gern noch verlängert, aber das ging aus finanziellen Gründen nicht." Nach ihrer Rückkehr Ende März arbeitete sie noch einmal zwei Monate, um das Geld wieder reinzubekommen. Im Oktober beginnt sie in Göttingen ein Studium in Biologischer Diversität. "Es wäre super, wenn ich damit später einmal in diesem Bereich arbeiten kann. Mal schauen, ob man auch davon leben kann."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung