01.09.2017

Annika Günther arbeitete als Betreuerin in einem Kinderheim

Annika Günther arbeitete als Betreuerin in einem KinderheimDie 19-Jährige aus Schriesheim ist am vergangenen Montag aus Mexiko zurückgekehrt - Bald studiert sie Jura

von Frederick Mersi

Schriesheim. Irgendwie wirke ihre Zeit in Mexiko wie ein Traum, sagt Annika Günther. Weit weg, fast irreal. Dabei ist die 19-Jährige erst am vergangenen Montag aus Mexiko von ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr zurückgekehrt. "Aber man kommt ziemlich schnell wieder in eine Alltagsroutine", sagt sie, "man erwartet gravierende Veränderungen, wenn man wieder zurückkommt, und dann ist vieles genauso wie vorher." Dabei liegt zwischen ihrem Abflug in Richtung Mittelamerika und ihrer Ankunft in Schriesheim eine ereignisreiche Zeit.

In Puebla, einer Millionenstadt etwa zwei Stunden von Mexico City entfernt, arbeitete Günther im "Casa del Sol", dem Haus der Sonne, einem Kinderheim. "Das Projekt war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte", sagt die Abiturientin. Ihr Arbeitstag begann in den Schulferien um 7 Uhr und endete acht Stunden später, während der Schulzeit betreute sie die Kinder von 11 bis 19 Uhr. Basteln, spielen, gemeinsam essen, bei den Hausaufgaben helfen - die Tätigkeiten waren vielfältig. "Wenn die Kinder in der Schule waren, konnte man auch mal eine Pause machen", erzählt Günther, "aber sonst gab es schon viel zu tun."

28 bis 30 Kinder kamen zu Hochzeiten im "Casa del Sol" unter, die meisten von ihnen ausschließlich unter der Woche. Die Altersspanne reichte von Babys bis zu Achtjährigen, manche von ihnen waren Waisenkinder. Entsprechend unterschiedlich waren auch die Anforderungen an die Betreuer. Zwei Kinder begleitete sie zu deren logopädischer Therapie, wo sie zwei Stunden lang ihre Sprechfähigkeiten verbessern sollten. "Da konnte ich noch gar nicht so gut Spanisch", erinnert sich Günther, "in den Sitzungen habe ich das meiste auf dem Handy übersetzt."

Dennoch sei sie stolz gewesen, zu sehen, wie ihre beiden Schützlinge Fortschritte machten. "Ich wusste nicht, ob ich die Geduld für so eine Arbeit habe", sagt Günther. Doch nach einem Jahr im Haus der Sonne würde sie ihre Einsatzstelle definitiv weiterempfehlen, auch weil sie das Land außerhalb von Puebla kennenlernen konnte.

Dabei sammelte sie auch ihre schönste und ihre schlimmste Erfahrung während ihres Auslandsaufenthalts: Eine Nachstellung der Eingangsszene im "James Bond"-Streifen "Spectre" erlebte sie zum "Día de los Muertos" in Mexico City. Echte Todesängste musste sie dagegen bei einer waghalsigen Busfahrt vom Strand zurück durch enge Serpentinen ausstehen. "Dabei ist auch noch die Gepäckklappe aufgegangen", sagt Günther und lacht. Rucksäcke und Koffer der Fahrgäste gingen zwar verloren, doch immerhin kamen alle Beteiligten mit dem Leben davon.

Innerhalb der Großstadt nutzte Günther nur zu Beginn den Bus, der als Verkehrsmittel dort gerade in der Oberschicht wegen der hohen Kriminalitätsrate in der Stadt keinen guten Ruf genießt. "Wir haben aber in einem recht sicheren Viertel direkt neben einer Universität gewohnt", sagt Günther, wirklich Angst habe sie dort nie gehabt, im Gegenteil.

Am liebsten wäre die Schriesheimerin bei den Kindern im "Casa del Sol" geblieben. "Der Abschied hat mir schon das Herz gebrochen", sagt sie. Eine Verlängerung kam trotzdem nicht infrage: "Dann hätte ich den Abschied nur hinausgezögert", sagt Günther, "für mich war das immer auf ein Jahr begrenzt."

Ein Jahr, das für sie inzwischen wieder weit weg wirkt. Doch der nächste Umzug steht schon an: Ab dem Wintersemester will Günther in Freiburg Jura studieren. "Das wollte ich auch schon vor meinem Freiwilligen Sozialen Jahr", sagt sie. Doch ihren Schwerpunkt würde sie gern ins Sozialrecht legen: "Notar will ich nicht unbedingt werden."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung