25.09.2017

rstwähler mit 53 Jahren

rstwähler mit 53 JahrenQiang Sun aus China ist seit vergangenem Jahr deutscher Staatsbürger - Außenpolitik hat für ihn persönliche Bedeutung

25.09.2017, 06:00 Uhr

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Der große Moment dauert für Qiang Sun nur wenige Minuten: Kurz vor zehn Uhr kommt der 53-Jährige mit seiner Frau aus dem Gymnastikraum in der Strahlenberger Schulturnhalle, gerade hat er zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilgenommen. Sun kommt aus Jilin im Nordosten Chinas, mit sieben Millionen Einwohnern aus seiner Sicht eine "kleine Stadt". Erst 2016 wurde er deutscher Staatsbürger. "In meiner Heimat gab es auch Wahlen", sagt er, "mit vielen Kandidaten, aber nur von einer Partei."

Sun überlegt häufig einige Sekunden, bevor er einen Satz auf Deutsch beginnt, manchmal streut er englische Vokabeln ein. Was er letztlich sagt, ist grammatikalisch einwandfrei. Ab und zu kommt es zwar dennoch zu Missverständnissen. "Aber im Wahllokal ging alles gut", sagt Sun, "da hat meine Frau geredet." Sie arbeitet als Radiologin in Ludwigshafen, hat am Wahlsonntag Bereitschaftsdienst, macht sich deswegen, gleich nachdem sie ihre Stimme abgegeben hat, wieder auf den Weg nach Hause.

Seit fünfzehn Jahren wohnt Sun bereits in der Region, hat an der Heidelberger Universität promoviert, am Deutschen Krebsforschungszentrum gearbeitet und forscht jetzt als Biologe fürs Universitätsklinikum. Sun ist drahtig, wandert gern und viel. "Jeden Sonntag mindestens zehn Kilometer weit", sagt er. Schriesheim schätzt er als ruhige, naturnahe Stadt: "Ich muss für meine Arbeit viele Paper lesen, da brauche ich Ruhe", sagt er und lacht leise, "in Heidelberg sind mir zu viele Menschen."

Dass es auch im Wahlkampf selten laut wurde, sieht er positiv, vor allem im Vergleich zu den Präsidentschaftswahlen in den USA: "Hier kann ich mich in Ruhe über die Themen informieren." Von den Direktkandidaten im Wahlkreis hat er bisher keinen persönlich getroffen, ihm sind die Themen der Parteien wichtiger. "Merkel hat als Kanzlerin in den vergangenen Jahren wenig getan", sagt Sun, "unter Gerhard Schröder gab es noch viele Reformen, die Deutschland gutgetan haben." Als Beispiel nennt Sun die Autoindustrie: "Bei den Antriebstechniken hat Deutschland in der Entwicklung inzwischen zehn Jahre verloren", sagt er, "wir brauchen da neue Energie." Das Thema Umweltschutz liege ihm am Herzen, seine Entscheidung in der Wahlkabine sei ihm leicht gefallen.

Doch auch die Außenpolitik hat für ihn eine persönliche Bedeutung. Nicht nur wegen der Beziehungen zu Volksrepublik China, sondern auch dem Konflikt mit Nordkorea: Suns Heimatstadt Jilin liegt nur etwa 500 Kilometer von der Grenze zu der abgeschotteten Diktatur, deren Atomwaffenprogramm seit Jahrzehnten die Weltgemeinschaft beschäftigt. "Es ist schon komisch, das in den Nachrichten zu verfolgen", sagt Sun. Dass er von seinem Wahlrecht Gebrauch macht, ist für den Neubürger eine Selbstverständlichkeit, nachdem er erst zehn Jahre nach seiner Frau und seinem inzwischen 27 Jahre alten Sohn Deutscher geworden ist. "Es geht ja um die Zukunft dieses Landes", sagt er.

Die hat er an diesem Vormittag erstmals mitbestimmt. Danach geht er nach Hause, "Mittagessen kochen", sagt er, und dann bei bestem Spätsommerwetter ein paar Stunden wandern, die Ruhe genießen, bis am Abend die Ergebnisse verkündet werden. Von der ersten Bundestagswahl im Leben von Qiang Sun.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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