29.11.2017

Schafsriss im Odenwald: Der Wolf beobachtete seine Beute

Schafzüchter sehen die vom Ministerium empfohlenen Schutzmaßnahmen kritisch

Von Frederick Mersi und Felix Hüll

Hesseneck/Schriesheim. Im "Wolfserwartungsland Hessen" rät Umweltministerin Priska Hinz den Tierhaltern nach dem ersten genetischen Nachweis eines Wolfes, ihre bisherigen Schutzmaßnahmen von Schafen, Ziegen, Kühen oder Pferden zu überdenken. Die Grünen-Politikerin empfiehlt insbesondere Elektrozäune und Herdenschutztiere. Praktiker in der Region sehen dies skeptisch.

Beim Mühlenhof in Schriesheim, einer Einrichtung der Evangelischen Stadtmission Heidelberg zur Wiedereingliederungshilfe, sieht man die Rückkehr des Wolfs wegen der 45 eigenen Schafe zwar auch mit Sorge. "Aber einen Herdenschutzhund können wir uns nicht leisten", sagt Leiter Heinz Waegner: "Wir müssen einfach hoffen, dass der Wolf nicht so weit kommt."

Während des Winters seien die Schafe zwar im Stall und auf dem Hofgelände untergebracht. "Ab April sind sie dann aber wieder auf der Sommerweide", ergänzt Waegner, "im schlimmsten Fall müssen wir noch einen zweiten Elektrozaun zum Schutz aufstellen." Bei einer Höhe von 1,10 Meter bleibt der Leitung und den Bewohnern vom Mühlenhof aber letztlich nichts als die Hoffnung, dass es ihre Schafe nicht auch erwischt.

"Wissen Sie, was so ein Hütehund kostet? Das sind gut 3500 Euro für ein ausgebildetes Tier, und bei großen Herden wie jener der betroffenen Schäferei Kobold in Kailbach bräuchten sie eigentlich mehrere Hunde. Und dann kommen noch pro Jahr 1500 bis 2000 Euro für Futter dazu." Das sagt Harald Brandel.

Er ist selbst Schafhalter mit 20 Heidschnucken in Hesseneck-Kailbach und hat die acht toten Schafe am 16. November auf der Weide entdeckt. Nach Untersuchungen des Senckenberg-Instituts hat sich jetzt herausgestellt, dass tatsächlich ein Wolf den Tieren die Kehle durchgebissen und vom Fleisch eines Schafes gefressen hat.

Zusammen mit den nur sechs Tage zuvor im nahen Mossautal-Hüttenthal aufgefundenen Kadavern einer Ziege und eines Schafes lassen die DNA-Spuren keinen Zweifel: Es war ein Wolf. Ob es ein und dasselbe Tier ist, lässt sich nicht belegen, fest steht nach Angaben der hessischen "Wolfsbeauftragten" Susanne Jokisch vom Landesamt für Naturschutz, dass es sich nach dem Erbanlagen-Typus in beiden Fällen um einen Wolf des mitteleuropäischen Flachlands - aus Ostdeutschland beziehungsweise Westpolen - handelte, im Gegensatz zum Typ "Alpenwolf" aus den italienischen Abruzzen. Damit müsste das Tier genetisch mit Wölfen verwandt sein, die aus Westpolen und Ostdeutschland stammen. Ob es sich um in beiden Fällen um ein- und denselben Wolf handelt, habe angesichts der Beschaffenheit der Proben nicht festgestellt werden können. Man gehe aber bislang von einem Tier aus.

Möglicherweise ist es der im September von Nabu-Fotograf Hans Oppermann bei Wald-Michelbach fotografierte Wolf, der die Schafe und die Ziege gerissen hat. Jokisch verweist indes auf die Informationen des hessischen Umweltministeriums für Tierhalter im Vorfeld der erwarteten Ansiedlung von Wölfen. Bereits 2016 habe es ein Herdenschutzseminar für Tierhalter-Kreisverbände gegeben und in diesem Jahr vier über ganz Hessen verteilte Informationsveranstaltungen für Schaf- und Ziegenhalter. Deren Tenor: Es reicht angesichts der neuen Situation nicht mehr aus, die Tiere "nur" vor dem Weglaufen zu schützen. Erforderlich sind jetzt besondere Maßnahmen, um Wölfe oder Luchse davon abzuhalten, zu den Herdentieren vorzudringen.

Dass der Wolf an seiner Beute dranbleibe, erzählt Harald Brandel: Seinen Worten zufolge sei es wohl bereits vor dem Riss am Itterbach auf einer Weide der Schäferei Kobold in Friedrichsdorf zu einer Begegnung der Schafe mit dem Wolf gekommen, wobei aber kein Tier zu Schaden gekommen war. Weil die Schafe jedoch verstört wirkten, habe die Schäferei die rund 230 Tiere nach Kailbach gebracht, wohl schon beobachtet von dem Beutegreifer, der seine Chance dann in der Nacht vom 15. auf den 16. November nutzte und sieben Tiere totbiss. Ein achtes verendete später.

Tierhalter Brandel hat sich tatsächlich einen neuen 1,20 Meter hohen Schutzzaun für seine kleine Heidschnucken-Herde bestellt. Aber nicht zuletzt aus Gesprächen mit anderen Züchtern beim Hessischen Schaftag in Hungen weiß er, dass es neben den Anschaffungs- und Verpflegungskosten noch andere Argumente gegen Herdenschutzhunde gibt: Die auf Abwehr getrimmten Hunde könnten ihre Aktivitäten möglicherweise auch gegen Hundehalter und deren Tiere richten, die "nur so" an einer Weide vorbei kommen. "Und wer kommt dann für den Schaden auf?", fragt sich Brandel.

Laut Ministerin Hinz stehen noch 2017 Fördergelder bereit, um Tierhalter bei Schutzmaßnahmen zu unterstützen. Für die in Kailbach geschädigte Schäferei Kobold sieht es bislang so aus, dass es keine Ausgleichszahlungen gibt für den Verlust der acht Tiere, darunter einen gekörten 1500-Euro-Schafbock.

Die Zuständigkeiten zwischen Bayern - die Schäferei Kobold hat ihren Sitz im unterfränkischen Miltenberg - und Hessen sind noch nicht so weit geklärt, dass solche grenzüberschreitenden Entschädigungsfragen einfach zu beantworten sind.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung