08.12.2017

Barrierefreien Gemeinde Schriesheim: Trotz Auszeichnung gibt es noch viel zu tun

Schriesheim ist eine von zwölf "Barrierefreien Gemeinden 2017" - Größtes Problem für viele Behinderte sind zugeparkte Gehwege

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Das Rathaus ziert bald eine neue Plakette: Die Stadt Schriesheim ist als eine von zwölf Kommunen in Baden-Württemberg als "Barrierefreie Gemeinde 2017" vom Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung ausgezeichnet worden. Manne Lucha, Sozialminister des Landes, und Thomas Seyfarth, Vorsitzender des Landesverbands, nahmen die Ehrung bereits Ende November in Stuttgart vor.

Für die Stadt bedeute das aber noch lange nicht, dass man in Sachen Barrierefreiheit am Ziel sei, sagte Bürgermeister Hansjörg Höfer bei einem Pressegespräch am Mittwoch: "Es ist noch nichts abgeschlossen." Dennoch hatte sich Karin Reichel, im Hauptamt zuständig für Inklusion, im Sommer dazu entschieden, an dem Wettbewerb teilzunehmen. "Ich denke, wir müssen uns nicht verstecken", begründete Reichel die Bewerbung, "und wir hatten ja nichts zu verlieren." Wirklich gewonnen hat die Stadt außer Anerkennung und der Plakette auch nichts. "Aber die ist immerhin aus Emaille", scherzte Reichel.

Letztlich profitieren soll von Reichels Arbeit, der Kooperation mit AWO-Inklusionslotsin Idil Reineke und dem Arbeitskreis Barrierefreiheit auch nicht die Verwaltung, sondern die über 4100 Schwerbehinderten, die Stand vergangenen Jahres in der Weinstadt wohnen. "Wir sind bestrebt, alle Menschen am öffentlichen Leben teilhaben zu lassen", sagte Bürgermeister Höfer, "das ist aber eine Aufgabe, die noch Jahrzehnte dauern wird."

Der Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen hob in der Begründung für die Auszeichnung vor allem den im Frühjahr erschienen Barrierefreien Stadtführer und die Gestaltung der Heidelberger Straße mit "gut berollbarem" Pflaster hervor. Zudem gebe es in Schriesheim eine "sehr gute barrierefreie Grundversorgung". Bürgermeister Höfer nannte im Pressegespräch zudem die behindertengerechte Ampel an B 3 und Ladenburger Straße als deutliche Verbesserung.

In anderen Bereichen gibt es aber weiterhin Defizite in Sachen Barrierefreiheit: Die neu gestaltete Unterführung werde man nicht seniorengerecht ausbauen können, sagte Höfer, "einfach weil der Platz fehlt". Auch die mobile Höranlage, die im Rathaus für öffentliche Veranstaltung kostenlos ausgeliehen werden kann, werde nicht so häufig angefordert, wie es eigentlich nötig wäre, sagte Karin Reichel. Dazu kommt der Einzelhandel in der Altstadt, der seine Geschäfte nur selten barrierefrei zugänglich machen kann.

Dafür sei aber die Hilfsbereitschaft vonseiten der Mitarbeiter und Inhaber groß, sagte Barbara Schenk-Zitsch, Sprecherin des Arbeitskreises Barrierefreiheit: "Bei manchen Apotheken gibt es eine eigene Klingel für Rollstuhlfahrer." Solche Erleichterungen sind auch im Barrierefreien Stadtführer aufgeführt.

Doch das größte Problem für viele in ihrer Mobilität eingeschränkte Schriesheimer sei nicht die bauliche Situation, sondern das Falschparken auf Gehwegen. Immer wieder würden Blinde gegen Autos stoßen, die in verbotenen Bereichen abgestellt wurden. "Das wäre etwas, was man relativ leicht beseitigen könnte", fand Schenk-Zitsch. Reichel sah das anders: "Es ist ein schwieriges Unterfangen, weil das Verständnis vonseiten der Autofahrer nicht da ist."

Trotz dieser Defizite hat die Stadt in den vergangenen Jahren aber große Fortschritte gemacht. "In Schriesheim läuft es eigentlich sehr gut", sagte Inklusionslotsin Idil Reineke, "oft muss ich es als ,best practice’-Beispiel vorstellen." In Zukunft will die Stadt weiter für Menschen mit Behinderung sensibilisieren, auch wenn Reichel klarstellte: "Null Barrieren wird es nicht geben."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung