23.12.2017

Jugendbetreuung beim SV Schriesheim: Netze flicken statt Millionen verdienen

Rolf Schwarz, Jugendtrainer und Sportprofessor, will Bildungspotenzial im Fußball ausschöpfen – Dafür verzichtet er auch auf Schiedsrichter

Von Frederick Mersi

Schriesheim. Eigentlich wollte Rolf Schwarz nie Fußballtrainer werden. "Weil ich wusste, wie schwer das ist", sagt er. Gerade im Jugendbereich soll der Trainer Freund, Vorbild und Leiter zugleich sein, gut zuhören, Talente fördern und daneben noch ein bisschen sozialpädagogische und integrative Arbeit leisten können. Wegen seines Sohnes ist Rolf Schwarz dennoch seit inzwischen drei Jahren Jugendbetreuer beim SV Schriesheim - und setzt dort neue Akzente, um das Bildungspotenzial des Sports voll auszunutzen. Dabei, sagt er, stünden die Strukturen des organisierten Fußballs aber oft im Weg.

Als Professor an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe hat er erforscht, welche Bedingungen im Amateurfußball gegeben sein müssen, damit der Sport Werte wie Akzeptanz, Teamgeist und Fairness, aber auch Pünktlichkeit und Ehrlichkeit tatsächlich vermitteln kann. Im Frühjahr soll dazu ein Buch im Springer-Verlag erscheinen. "Eine der wichtigsten Bedingungen überhaupt ist die Vorbildfunktion des Trainers", sagt Schwarz, "an der richtigen Stelle zu loben, den Kindern das Gefühl zu geben, dass sie etwas können und Teil eines größeren Ganzen sind."

Stattdessen liege der Fokus häufig auf der individuellen Leistung der Nachwuchsspieler. Das spiegle sich auch im Profifußball wieder: "Da nehmen Berater den Spielern teilweise schon im Jugendalter sämtliche Lebensaufgaben ab, so können sie überhaupt nicht erwachsen werden." Dennoch liege die Aufmerksamkeit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vor allem finanziell auf 56 Profivereinen - statt bei knapp 25.000 Amateurklubs mit sieben Millionen Mitgliedern in Deutschland, "obwohl die pädagogische Hauptarbeit doch genau dort liegt".

Der SV Schriesheim sei nur ein Beispiel für einen Verein, der eine "nachweislich hervorragende Jugendarbeit" hat, dem es aber gleichzeitig an finanziellen Mitteln fehlt: "Eigentlich müsste der SVS genug finanzielle Grundlagen haben, um sich einen hauptamtlichen Koordinator zu leisten", findet Schwarz. Stattdessen reicht das Geld nicht einmal für Tornetze ohne Löcher, die der Trainer auch mal gemeinsam mit seinen Spielern flickt.

Überhaupt versteht Schwarz seine E-Jugend-Mannschaften als Einheiten: "Die Kinder bauen die Trainingsfelder gemeinsam auf und ab, jeder Spieler ist für einen Teil verantwortlich und darf sich in mindestens einem Spiel die Kapitänsbinde überstreifen. "Damit übernimmt er aber auch Verantwortung für Motivation seiner Mitspieler, Anweisungen und Ehrlichkeit gegenüber dem Schiedsrichter." Wenn es ihn denn gibt: Bei Heimspielen seiner Mannschaft versucht Schwarz, so oft es geht, keinen Unparteiischen einzusetzen. "Beide Mannschaften pfeifen sich dann selbst", sagt er. Das funktioniere hervorragend: "Ich habe noch nie ein Spiel gesehen, bei dem die Eltern so ruhig sind."

Auch sie müsse ein Jugendtrainer sensibilisieren: "Die Eltern sind Teil des Spiels, müssen aber auch einen positiven Beitrag leisten." Nur wenn sie ihre sportlichen Ziele nicht auf die Kinder übertragen, könne Fußball sein Ziel erfüllen, sagt Schwarz: Spaß zu haben, Zugehörigkeit und Orientierung zu geben. "In den älteren Jahrgängen hören auch deshalb so viele auf, weil der wettkampforientierte Sport nicht mehr die Perspektiven bietet, die die Jugendlichen eigentlich bräuchten."

Diese Perspektiven als Trainer zu schaffen, erfordere "enorm viel Zeit", Geduld und Hartnäckigkeit. Neue Tornetze seien aber auch hilfreich: "Wenn dafür jemand spenden will, kann er sich an unseren Jugendleiter Thomas Dammann wenden." Auch über neue Trainerkollegen würde er sich freuen: "Die Belohnung dafür gibt es vielleicht nicht durch Geld, aber es macht wahnsinnig viel Spaß."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung