26.07.2005

„Ein Schulleiter ist kein Alleinherrscher“

KGS-Direktor Werner Rendel wird Pensionär – Ein Interview zum Abschied

Werner-Heisenberg-Gymnasium (WHG) in Weinheim kam, das damals noch ganz einfach Gymnasium Weinheim hieß. Die „Multschule“ mit ihrem Gymnasium sollte ja damals erst noch kommen. Am WHG erlebte Rendel auch turbulente Zeiten als stellvertretender und kommissarischer Schulleiter, während die Direktorenstelle vakant war. 1989 wurde Rendel Leiter des Kurpfalz-Gymnasiums. Es ist also durchaus eine Ära, die jetzt zu Ende geht. Auch die RNZ sagt „Salü!“.
Herr Rendel, welche Abschlussnote würden Sie sich geben?

Befriedigend. Ich bin zufrieden mit dem, was ich gemacht habe. Das heißt nicht, dass man immer zufriedene Partner hinterlässt. Natürlich sind auch Wünsche offen geblieben. Da ich jetzt gehe, werden sicher einige denken: „Gott sei Dank“. Es wäre schön, wenn der eine oder andere sagen würde: „Schade“.
Mit welchem Ideal wurden Sie Lehrer?

Mit dem Vorhaben, Schülern meiner Art zu zeigen, dass Schule Spaß machen kann.
Schülern Ihrer Art?

Meine Lehrer haben drei Kreuze gemacht, als sie mich nach dem Abitur los waren. Ich war ein unbequemer Schüler. Mir hat die Schule immer Spaß gemacht, weniger meinen Eltern. Mein Vater hat gedanklich die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, als ich ihm sagte, dass ich Lehrer werden wolle. Viele Schicksale von Schülern haben meines widergespiegelt. Aber dennoch ist es mir nicht immer gelungen, die Partnerschaft mit den Schülern so zu gestalten, wie ich wollte. Der Schüler muss die Hand auch nehmen, die man ihm reicht. Auf jeden Fall hat Pädagogik viel mit Optimismus und Zuversicht zu tun. Beide habe ich nie verloren.
Würden Sie heute nochmal Lehrer werden?

Ja, immer wieder. Die Rahmenbedingungen geben heute mehr eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Die Frage ist nur, wie mutig man den Freiraum ausschöpft, wie risikobereit man ist. Wenn man im Lehrerberuf nicht mutig ist, dann wird man statisch.
Konnten Sie Schule so gestalten, wie Sie wollten?

Als Lehrer konnte ich ungleich individueller arbeiten. Wenn man als Lehrer die Tür des Klassenzimmers hinter sich zu macht, ist man alleine verantwortlich für das, was drinnen passiert. Als Schulleiter brauchen Sie ein Kollegium zur Umsetzung Ihrer Ideen. Insofern ist ein Schulleiter kein Alleinherrscher.
Wurden Sie durch die Rahmenbedingungen manchmal gehemmt?

Ich habe sie nie als Hemmnis empfunden. Ich habe mich aber auch nie über sie hinweg gesetzt. Die Rahmenbedingungen beschreiben ein Terrain. Darin kann ich mich frei bewegen. Karlsruhe und Stuttgart sind weit. Was aber nicht heißt, dass wir hier permanente Grenzverletzer waren. Wir sind eher zu selten an die Grenzen gegangen. Übrigens: Nachdem ich Fritz Kuhn an unsere Schule eingeladen hatte, hat mich nicht das Oberschulamt in die Pfanne gehauen, sondern das lokale Umfeld hier hat mich in den Rahmen zurück verwiesen.
Wann war Ihre Schulzeit am schönsten?

Als ich ordentlicher Lehrer war. Ich nahm schnell ein Echo war, dass ich einen Draht zu den Schülern habe. Als ich nah dran war an den Schülern, war ich pädagogisch am produktivsten. Das hat Spuren hinterlassen, auch Narben. Vor allem aber nachhaltige Erinnerungen. Da schließt sich heute übrigens ein Kreis: Ich habe zuletzt viele Abiturienten verabschiedet, deren Eltern in Weinheim meine Schüler waren. Ich werde die Arbeit mit den Schülern am meisten vermissen.
Was unterscheidet diesbezüglich den Lehrer vom Schulleiter?

Zunächst: Ich habe nie davon geträumt, Schulleiter zu werden. Ich wurde es dann mit allem Wenn und Aber. Es war nicht unerheblich, dass ich in Weinheim Schulleiter hatte, bei denen ich viel lernen konnte. Das ist wie in der Bundesliga: Erst ist man der Assistenztrainer, dann der Chefcoach, der sich zuvor viel abgeschaut hat, es dann aber doch selber machen und seinen eigenen Weg finden muss. Als Schulleiter verliert man den unmittelbaren Zugang zu den Schülern. Der geht einfach verloren. Man begegnet den Schülern in anderer Funktion. Sie haben eine andere Wahrnehmung vom Schulleiter Rendel als vom Lehrer Rendel.
Lehrpläne gaben vor, was Lehrer lehren sollen. Die neuen Bildungsstandards beschreiben, was Schüler können sollen: Wie sehen Sie den neuen Ansatz? War's der große Wurf – auch im Zusammenhang mit G8?

Lehrpläne hatten doch immer Checklisten-Charakter. Es beruhigte den Kollegen, wenn er alle Häkchen gemacht hatte. Dann konnte ihm keiner an den Karren fahren. Die Bildungspläne sind der ungleich größere Auftrag. G8 schafft so viel individuellen Gestaltungsspielraum! Als Schule ist man aufgefordert, sich ein unverwechselbares Profil zu geben. Das ist eine Chance! Die aber von den Kollegien eine höhere geistige Mobilität verlangt. Ich verlasse die Schule in einer extrem spannenden Zeit. Das ist fast schon schade.
Ist die Schulstadt Schriesheim gut aufgestellt?

Ich denke, dass die „Schulstadt Schriesheim“ vor Jahren ein wagemutiges und wichtiges Unternehmen war. Und man kann den Bürgermeister dafür nur beglückwünschen. Zuziehende werden sich immer über die Schulstruktur informieren. Über sie wird auch die Qualität einer Stadt bewertet. Aber: Durch erkennbare Verbesserungen in der Infrastruktur ist der Schulstandort nicht mehr so sicher. Die OEG fährt eben zu oft nach Norden und Süden.
Es ist also leichter geworden, auf weiterführende Schulen in Weinheim oder Heidelberg auszuweichen.

Genau. Wir sind darauf angewiesen, dass wir unser begrenztes Einzugsgebiet auch voll ausschöpfen. Der Schulstandort Schriesheim muss dafür wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Das ist der entscheidende Auftrag, den ich meinem Nachfolger hinterlasse. Der Schulstandort muss verteidigt werden.
Warum hat es Sie eigentlich gereizt, 1989 nach Schriesheim zu gehen?

Es hat mich gereizt, weil ich überzeugt war in einer Region Schulleiter zu sein, die mir vertraut ist. Das faszinierende an Schriesheim war, dass es zwei Gymnasien gab, davon aber nur ein staatliches. Aus Weinheim wusste ich, wie sich die Gymnasien argwöhnisch beobachteten. Sie haben nicht immer partnerschaftlich zusammengearbeitet. Hier in Schriesheim hatte ich andere Gestaltungsmöglichkeiten.
In welchen Momenten haben Sie sich selbst kritisch hinterfragt?

Es gab Momente, in denen ich mich selbst überholt habe. Da habe ich den Bogen überspannt. Lange verfolgte ich die Philosophie: Wo ist das Problem!? Ich war der Problemlöser par Excellence und wurde dadurch selbst zum Problem. Wer so von sich überzeugt ist, muss eins auf die Nase kriegen. Ich bin eins-achtundachtzig groß, habe eine gute Lehrerstimme. Anderen Raum zu lassen, das war mein Manko. Über meine eigene Raumfülle wurden andere nur noch zu Statisten meiner eigenen Inszenierung. Das war fatal. Viele lauerten auf meinen Absturz vom Drahtseil. Da brauchen Sie dann ein Netz, das die Kollegen unter Ihnen spannen. Bei mir gab es das. Als es mir elend ging, sicherten sie mich.
In welchen Stufen haben Sie am liebsten unterrichtet?

Bei den ganz Kleinen und bei den ganz Großen. Bei denen zwischendrin gibt es zu viele Reibungsverluste auf Kosten der Inhalte. Die Kleinen sind sehr spannend und ja noch so was von gläubig! Bei den Großen macht es der intellektuelle Anspruch aus. Die muss man an die Belastungsgrenze führen.
Und was macht der Pensionär Rendel?

Alles das, was er will und was ihm Freude bereitet. Ich werde mit Sicherheit nichts tun, was mit dem Bisherigen artverwandt ist. Ich würde es ja sonst für ergänzungsbedürftig halten. Ich werde also keine VHS-Kurse halten oder ein Zweitstudium beginnen. Ich werde den Tag gestalten, habe aber keine Pläne für mittel- oder langfristige Zeitfenster.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung