21.07.2003

Sparmaßnahmen sorgen für mächtig Unruhe

Die Elternbeiräte der Gymnasien längs der Bergstraße luden ein zur Podiumsdiskussion über die Auswirkungen der Bildungspolitik.

Schriesheim. (lue) Bereits kurz nach Beginn der Podiumsdiskussion zur Bildungspolitik im Schriesheimer Feuerwehrhaus gab es die ersten Reaktionen aus dem Publikum. Indiz dafür, dass die Entscheidung der Landesregierung, mit Sparbeschlüssen im Bildungssektor die Haushaltsituation des Landes zu verbessern, bei Eltern und Lehrern für große Unruhe sorgt.

Die Elternbeiräte von fünf Gymnasien an der Bergstraße hatten am Freitag Abend zu dieser Veranstaltung mit führenden Landespolitikern der Region geladen und rund 120 Besucher waren der Einladung gefolgt. Neben den Landtagsabgeordneten Theresia Bauer, Bündnis 90/Die Grünen, Hans-Georg Junginger, SPD, Georg Wacker, CDU, nahm für die FDP Dr. Gunter Zimmermann teil. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Schriesheimer Elternbeiratsvertreter Bernd Becker.

Im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion, die emotional und von allen Seiten engagiert geführt wurde, standen drei Themenkomplexe: Lehrereinstellungen im gymnasialen Bereich und Deputatserhöhung, die tatsächliche Unterrichtssituation an Gymnasien und Zukunftsperspektiven der Bildungspolitik.

Becker führte zunächst aus der Sicht der Elternvertreter in die Diskussion ein. Er konstatierte seit dem Jahre 2000 einen erfreulichen Anstieg der Lehrereinstellungen. Mit der Erhöhung des Lehrerdeputats von 24 auf 25 Wochenstunden sei dieser Trend jedoch durchbrochen worden, der Zuwachs an Schülern werde mit Lehrerneueinstellungen unzureichend kompensiert. Zimmermann forderte in seinem Eingangsstatement die Vergrößerung der Selbstständigkeiten der Schulen. Sie müssten zu Unternehmen werden und mit mehr "Kreativität und Eigeninitiative" die Schüler auf das Leben vorbereiten. Er forderte den Ausbau des Privatschulwesens, in dem auch junge, nicht in den Staatsdienst übernommene Lehrer eine berufliche Perspektive finden könnten. Bauer betonte, dass in der Bildungspolitik finanzielle und konzeptionelle Anstrengungen geleistet werden müssen. Die von Landesregierung zusagten 5500 neuen Lehrerstellen in dieser Legislaturperiode reichten nicht dazu aus, "den Status Quo der Unterrichtsqualität zu halten." Sorge bereite ihr die Tatsache, dass jungen Lehrern keine Perspektive durch die Politik der Landesregierung gegeben werde. Wacker, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag, wertete die Einstellung von über 3000 Lehrern in diesem und dem vergangenen Jahr als "wichtiges Signal" für junge Lehrer. Er appellierte dazu, mehr Selbstbewusstsein und Zuversicht zu zeigen, zumal durch die Stundenerhöhung mehr als 900 neue Deputate geschaffen würden. SPD-Mann Junginger betonte zu Beginn, dass "Bildungspolitik eigentlich Finanzpolitik ist." Die 5500 neuen Stellen seien angesichts steigender Schülerzahlen ohne Bedeutung für die aktuellen Arbeitsbedingungen an den Gymnasien. Angesichts der Zahlenspiele beklagte die besorgte Mutter eines 14-jährigen Ladenburger Gymnasiasten, dass "Zahlen das eine, die Wirklichkeit das andere" wäre.

Zimmermann bemängelte, selbst Lehrer an einer Berufsschule in Mannheim, den fehlenden Ruck in der Lehrerschaft. Ausgelöst durch das schlechte Ergebnis der PISA-Studie macht er mangelndes Engagement der Lehrer aus. "Wesentlich ist aber", so Zimmermann, "die inhaltliche Verbesserung des Unterrichts". Ähnlich äußerte sich Bauer und mahnte eine neue Unterrichtstruktur an. In den Lehrern sieht sie das Potential für ein besseres Unterrichtsklima. Sie warf Bildungsministerin Schavan vor, eine Baustelle nach der anderen zu eröffnen, "ohne jedoch zum Richtfest zu kommen." Junginger sprach in diesem Zusammenhang gar von "Schavanismus", der motivierte und engagierte Mitarbeiter sträflich vernachlässige.

Die Zukunft und Perspektiven im Bildungssektor sahen die Politiker differenziert. Zimmermann erkennt in strukturellen Reformen, die die Eigenständigkeit der einzelnen Schulen stärker betonen, die Lösung der Probleme. Wacker sieht die Landesregierung bildungspolitisch auf einem guten Weg. Zudem stellte er klar, dass die Reformen "kein Konzept der Beliebigkeit" seien. Junginger und Bauer zeichneten ein düsteres Bild, solange die betroffenen Lehrer nicht in die Reformen einbezogen würden und die Bildungspolitik nicht einen höheren Stellenwert bekäme. Sie boten der Regierung konstruktive Zusammenarbeit im Parlament an. Eines wurde an diesem Abend nach zwei Stunden kontroverser Diskussion aber klar: Ohne die entsprechenden Finanzen lässt sich selbst die beste Bildungsreform nicht realisieren.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung