04.05.2009

Sie muss nicht nach der nächsten Mode schauen

Von Stephanie Kuntermann

"Wir haben eine bürgerlich geprägte Stadt. Lynn Schoene repräsentiert die intellektuellen Schriesheimer", sagte Bürgermeister Hansjörg Höfer bei der Eröffnung von Schoenes Ausstellung "Melting Point". Damit waren nicht alle der zahlreichen Besucher einverstanden, die sich im Kerg-Museum bei der Rede von Schirmherr Höfer drängten, löste dieser Satz doch angeregtes Tuscheln aus.
Dass Kunst und Handwerk traditionell zusammengehören, machte Höfer deutlich: "Lynn Schoene übt wie ein Handwerker ihren Beruf mit Leib und Seele aus, ich als ehemaliger Handwerker weiß das zu schätzen."

Auf der Homepage ihres Heimatorts Luton taucht die Wahl-Schriesheimerin und Leiterin des Kerg-Museums als berühmte Künstlerin auf. Dafür sorgten Ausstellungen im In- und Ausland, Ankäufe ihrer Werke und ihre Lehrtätigkeit. Bei der künstlerischen Gestaltung, etwa der Kriegsopfergedenkstätte, habe die zweifache Mutter stets ihren Sachverstand eingebracht. "Als Leiterin des Kerg-Museums hat sie sich jahrelang unermüdlich in den Dienst der Stadt gestellt und eine große Kontinuität gewahrt", lobte Höfer.

In Schoenes Atelier, eine "Mischung aus Alchimistenlabor und Kuriositäten-kabinett", führte Hartmuth Schweizers Einführung. Der Kunstbeauftragte der Stadt Walldorf betonte den handwerklichen Aspekt von Schoenes Schaffen. Die Arbeit mit Wachs, Asphaltlack, Baumwollgaze oder flüssigem Schellack erlaube Verbindungen aller Bildmöglichkeiten, Gattungen und Stile. "Lynn Schoene ist zwischen den verschiedenen Positionen heimisch und damit auch erfolgreich", so Schweizer. Dabei sei sie experimentierfreudig und stark genug, nicht immer ruhelos nach der nächsten Mode in der Kunst zu schauen. Gleich am Eingang steht das "Lifeboat", ein aus Baumwolle, Eisen und Wachs bestehendes Werk in Lebensgröße. Es spielt auf Flüchtlingsboote an, die den gefahrvollen Weg von Afrika nach Europa nehmen. Die ebenfalls mit Wachs überzogenen Hemden stehen für ihre Träger.

Anspielungen auf Dickens’ Roman "Große Erwartungen" sind Bilder wie "Chandelier" sowie an Korsagen oder Reifröcke erinnernde Objekte, beispielsweise mit dem Titel "Miss Havisham’s wedding robe", die zeigen, wie sehr die am Traualtar verlassene Romanfigur Schoene beschäftigt. Kennzeichnend sind wabenartige Strukturen überall auf dem mit Wachs überzogenen Stoff oder der Leinwand. Mal an kostbare Verzierungen, mal an mit Seepocken überzogene Schiffswracks erinnernd, sind sie ein Element, das beinahe die gesamte Ausstellung durchzieht. Hier wird auch der Ausstellungstitel "Melting Point" (Schmelzpunkt) deutlich: "Wachs braucht eine bestimmte Temperatur zum Schmelzen", erklärte Schoene. So entstehen die winzigen Waben in vielen Schichten aus Papier, Wachs und Schellack. Allein am 150 auf 200 Zentimeter großen Bild "Miss Havisham’s wedding robe" arbeitete Schoene ein halbes Jahr lang.

Info: Ausstellung "Melting Point" von Lynn Schoene im Museum Théo Kerg vom 3. bis 31.Mai. Öffnungszeiten: Mi: 17 bis 19 Uhr, Sa und So: 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung. 17. Mai, 14.30 Uhr: Führung. museum@kk-schriesheim.de, www.kk-schriesheim.de, 06203/ 952819

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung