15.06.2009

Die Älteren erinnern sich noch gut an die „kleine" Lore

Die Älteren erinnern sich noch gut an die „kleine" LoreLore Tobias (rote Weste) besuchte mit Tochter Rochelle, Ehemann Sigmund, Tochter Susan, Schwiegersohn Alan Schapeiro und Enkelin Jessica (v.l.) Schriesheim. Foto: Dorn

(sk) Ein offizieller Besuch sollte es diesmal nicht sein. Zum mittlerweile vierten Mal besuchte die ehemalige jüdische Einwohnerin Lore Tobias mit ihrer Familie ihre alte Heimatstadt. Außer einer kurzen Begrüßung durch Pfarrer Lothar Mößner gab es keine Ansprachen – man ging gleich zum gemütlichen Teil mit Kaffee und Kuchen über. Die ältesten Bürger Schriesheims erinnern sich noch gut an die kleine Lore, die in der Heidelberger Straße 8 wohnte, wo ihre Eltern Selma und Ludwig Friedrich Sußmann einen Laden hatten.

"Keiner durfte mehr mit uns verkehren", erinnerte sich Tobias. An einem schwarzen Brett mitten in der Stadt wurden die Namen derer bekannt gegeben, die noch zu den jüdischen Familien Kontakt hatten. In der Schule musste die Erstklässlerin ganz hinten sitzen, und der Lehrer verbot Freundschaften mit ihr. "Die Kinder wurden zur Denunziation aufgefordert, sie vertrauten ihren Lehrern mehr als ihren Eltern", berichtete sie. Dass sie vor schlimmerem Mobbing verschont blieb, verdankte sie der Mutter von Bürgermeister Hansjörg Höfer, die damals in der Hofpause Brötchen verkaufte. "Ich versteckte mich bei ihr, und sie verriet mich nicht." Ausflüge ins 1936 eröffnete Waldschwimmbad blieben ihr verwehrt, denn dort prangte ein großes Schild, das Juden den Eintritt verbot. Kaum ein Schriesheimer traute sich noch, im Laden der Familie einzukaufen. Zu den wenigen gehörte die Familie von Fritz Hartmann. "Seine Mutter kam mit ihm in den Laden und sagte, er habe heute Geburtstag. Da schenkte ich ihm Schokolade." Das vergaß der blinde Chronist mit dem phänomenalen Gedächtnis nie und bedankte sich mehr als ein halbes Jahrhundert später. 1937 floh der Vater in die USA und organisierte von dort die Flucht der übrigen Familie.

Als bekannt wurde, dass die Familie das Land verlassen wollte, änderte sich die Haltung der Schriesheimer. "Auf einmal kamen sie alle in den Laden." Das Geschäft wurde an Hermann Müller verkauft, andere Bürger erwarben Hausrat und Grundstücke. Im Oktober 1938 kam die Familie in New York an. Der geistig behinderte Onkel Ludwig Oppenheimer und eine Großmutter gehörten zu den Angehörigen, die ermordet wurden. Lore sah ihre Großmutter zum letzten Mal bei der Durchreise auf dem Bahnhof von Alsbach. Der Onkel starb in Gurs an Dysenterie. In den USA machte sie ihren Schulabschluss, studierte Pädagogik und lernte ihren Mann Sigmund Tobias kennen, den sie 1955 heiratete. 1960 und 1963 wurden die Töchter Susan und Rochelle geboren. Lore Tobias arbeitete 25 Jahre lang an einer Schule in der Bronx. "Ich war eine Ghetto-Lehrerin, ich könnte gar keine ,normalen’ Schüler unterrichten."

Trotzdem wurde sie nie ganz in den USA heimisch. "Zuhause wurde deutsch, amerikanisch und jiddisch gesprochen. Für meine Mutter war Deutschland immer die Heimat", berichtete Tochter Rochelle. Trotz der schlimmen Erlebnisse der Mutter wuchsen die Kinder ohne Hass auf Deutschland auf. Die Familie bleibt noch bis heute in Schriesheim, besucht das Alte Rathaus, den jüdischen Friedhof und die Strahlenburg und reist dann weiter nach München, wo Rochelle ein Stipendium an der Universität hat. Am 21. Juni bricht die Familie Tobias wieder in Richtung USA auf.


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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung