10.10.2009

„Jetzt bin ich auf die Weine gespannt"

Von Carsten Blaue.

Schriesheim. "Wieder 110. Das ist ja schon fast langweilig": Wenn Harald Weiss so einen Scherz macht, dann ist das ein gutes Zeichen. Er schaut am Donnerstagabend durch sein Refraktometer und misst das Mostgewicht der Spätburgundertrauben, die vor ihm in einem der glänzenden Edelstahlbottiche stehen. Draußen ist es längst stockdunkel. Drinnen im Kelterhaus ist es taghell. Hier wird geschafft. Und der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft (WG) lächelt zufrieden. "Unter 90 Grad Öchsle hatten wir beim Spätburgunder gar nichts", sagt er. Überhaupt sei der Ablauf des diesjährigen Herbsts perfekt. Aber: Noch hat Weiss "ein Rumoren im Bauch." Denn letzter Lesetag der WG ist erst heute – vor allem mit Weiß- und Grauburgunder für die "Exclusiv"-Serie.

Doch dieser eine Tag sollte die Bilanz der Bilderbuchernte des Jahrgangs 2009 nicht trüben. Und auch Weiss kann eigentlich schon am Donnerstag guter Dinge sein. Keinen einzigen Bottich seiner Genossenschaftswinzer musste Weiss dieses Jahr abstufen oder gar zurückweisen: "Die Winzer verstehen, was wir wollen, sind auf unserer Seite und ziehen mit." Die Qualität und die Gesundheit der Trauben stimmten einfach. Mehr Klasse als Masse: "Wir haben quer durch die Sorten weniger Menge", sagt Weiss. Er kann sich nicht an einen schnelleren Herbst erinnern: "Letztes Jahr hat sich ja alles gezogen wie Kaugummi. Jetzt sind wir nach genau drei Wochen fertig. Nur noch Samstag, an dem auch das Lesegut aus dem Madonnenberg und aus dem Heiligenberg angeliefert wird, und dann wird das Kelterhaus auch schon wieder aufgeräumt."

Hier machen sich am Donnerstagabend gegen elf Uhr drei Lastzüge auf den Weg nach Breisach. Auf zwei Aufliegern sind fein säuberlich die 56 Edelstahlbottiche mit Spätburgundertrauben aufgereiht. Zum Schluss fährt der Tankzug mit Most für Blanc de Noirs, Spätburgunder Rosé und Riesling vom Hof. "Jetzt bin ich auf die Weine gespannt", sagt Weiss. Prognosen seien schwierig. Der Geschäftsführer ist lieber vorsichtig. Mit der Güte des Leseguts habe man aber auf jeden Fall die richtige Richtung vorgegeben: "Das Qualitätsgefüge liegt sehr eng beieinander."

Auch gestern ist Weiss zufrieden mit dem Ernteergebnis. Gewürztraminer, Riesling sowie Spätburgunder aus den Premium-Anlagen für "Classic" und "Selection" stehen auf dem Leseplan: "Der Tag war wieder ein Gewinn", sagt er im Büro des Kelterhauses. Nebenan in der Küche kann man auch schon am Donnerstagabend die köstliche Seite der Weinlese betrachten. Nussecken von der Familie Gutfleisch aus Altenbach, ein Marmorkuchen von Familie Ewald, ein weiterer Kuchen aus dem Hause Müller-Heberle, ein Kirschenplotzer von den Taslamans, um nur mal eine Momentaufnahme zu schildern. Dazu im Kühlschrank jede Menge Hausmacher. Das Brot dazu liegt ebenfalls auf dem Tisch. Nein, einen Herbst im Kelterhaus zu verbringen, ist nicht unbedingt etwas für die schlanke Linie. Da ist neben der ganzen Arbeit auch mal Schlemmen angesagt. Energie, die die Kelterhaus-Mannschaft allerdings auch gut gebrauchen konnte in den vergangenen 21 Tagen: "Wir hatten sicher keine Langeweile. Der Herbst war sehr gebündelt", sagt Weiss.

Zufrieden macht ihn auch, dass die Arbeit im Kelterhaus lediglich mit "minimalen Störungen" über die Bühne ging. Gleich am ersten Tag musste die Krananlage justiert werden. Mitte dieser Woche ging dann die kleine Bottich-Waage kaputt, wurde aber sofort durch eine Leihwaage ersetzt. Ansonsten war nur noch ein kaputtes Kabel zu tauschen. Was soll da heute schon noch passieren?

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung