04.10.2010

Als auf der Straße Politik gemacht wurde

Als auf der Straße Politik gemacht wurdeDr. Nancy Aris, der in der ehemaligen DDR ein Studienplatz verweigert blieb, bilanzierte bei der Schriesheimer CDU und deren zahlreichen Gästen im Zehntkeller 20 Jahre Deutsche Einheit. Foto: Dorn

Schriesheim. (nam) Der Osten hat mehr zu bieten als Rotkäppchensekt, Spreewaldgurken oder Plattenbauten: Dass etwa Teebeutel, Kaffeefilter und Büstenhalter sächsische Erfindungen sind, wissen spätestens seit gestern die Zuhörer von Dr. Nancy Aris Vortrag im vollen Zehntkeller.
Unterhaltsam war der Anlass ihrer Rede dagegen nicht, sondern eher staatstragend: Der CDU-Stadtverband hatte zu einer Feier zum Tag der Deutschen Einheit eingeladen - Aris hielt als Stellvertreterin des sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen die Festansprache. Jene Akten waren dabei kein Thema, anschauliche Beispiele wie die eingangs genannten dagegen schon: Aris bemühte sich darum, in die Geschichte hineinzuzoomen und sie anhand von einzelnen Bürgern und Städten zu veranschaulichen. Etwa jenem Werkzeugmacher, der vor gut 20 Jahren im sächsischen Plauen rund 200 Flugzettel an Telefonzellen und an Kirchentüren pinnte. Auf ihnen war die Rede von einem "geeinten europäischen Haus" oder davon "Veränderungen zu erzwingen" und "sich von der Gleichgültigkeit zu befreien". Am 7. Oktober 1989 wurde aus diesem Aufruf der erste Massenprotest auf dem Gebiet der DDR, als Tausende zur Demonstration auf die Straße gingen: "Die Straße wurde wieder zum Ort, wo Politik gestaltet wurde", formulierte es Aris, und die Masse der Menschen zwang die Staatsmacht friedlich in die Knie.
Dieses Freiheitsrecht, das Recht zur Demonstration, zu schützen, hatte eingangs Dr. Karl A. Lamers, Bundestagsabgeordneter der CDU, gefordert - das erinnert aktuell zwangsläufig an die Proteste gegen "Stuttgart 21" und den Umbau des Bahnhofs in der Landeshauptstadt, an Demonstranten auf Bäumen und den Einsatz von Hundertschaften der Polizei. Direkt angesprochen wurde dieses Thema zwar nicht, tauchte aber erneut auf, als Aris vom Wirken des damaligen hessischen Landeskonservators, Gottfried Kiesow, berichtete, der sich stark für Sanierung und Erhalt wichtiger Baudenkmäler im Osten einsetzte: In Erfurt verhinderte er seinerzeit den Neubau einer Trasse durch systematische Haussanierung. Als eine "auf die Straße verlegten Luftbrücke" schilderte Aris dann den Transport von Baumaterial für dringend notwendige Renovierungsarbeiten in Wismar. Sie sprach davon, wie im ehemals "dreckigsten Dorf Europas" das weltweit größte Solarwerk geschaffen wurde und dass die versprochenen "blühenden Landschaften" in Teilen tatsächlich entstanden. Klar machte sie aber auch, dass sanierte Städte und saubere Umwelt nicht ausreichen werden, um die junge Generation vom Wegziehen abzuhalten. Aris hatte diese Option selbst zunächst nicht. Sie kommt aus Ostberlin, durfte wegen ihrer nicht regime-konformen politischen Einstellung nicht auf das Gymnasium, und auch ein Studienplatz blieb ihr verwehrt - bis zur Wende. Dass sich die Ostdeutschen ihre Freiheit in einer friedlichen Revolution erstritten, strahlte Aris zufolge auch auf die weitere Entwicklung eines friedlichen Europas aus.
Die Plauener gehen noch weiter: "Das war der Anfang der Veränderung unserer Welt", steht auf jener Gedenktafel, die an den ersten friedlichen Massenprotest im Oktober 1989 erinnert.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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