12.02.2011

RNZ brachte Hirschland-Nachfahren zusammen

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Als die RNZ im letzten Jahr ihre Reihe über die Wohnhäuser früherer jüdischer Einwohner beendete, stand am Schluss die Bitte an die Leser, sich mit eventuellen weiteren Beiträgen oder Anregungen an die Redaktion zu wenden. Zwei Reaktionen von Lesern waren es, die im Falle der "Villa Hirschland" zum bislang unvollständigen Puzzle, das seine Geschichte darstellt, einige neue Teile beisteuerten. So erhielt die RNZ einige Wochen nach Erscheinen des Artikels eine Mail aus den USA. Daraus entstand ein reger Kontakt, der viel Wissenswertes über die Geschichte der Familie Hirschland zu Tage förderte.

Zur Erinnerung: Das Jugendstilgebäude im Schriesheimer Tal gehörte einst der jüdischen Kaufmannsfamilie Hirschland, die es als Wochenend-Domizil nutzte. Über die Familie war fast nichts bekannt, die jetzigen Eigentümer wussten dafür umso mehr über die bewegte Historie ihres Hauses, das Jahre später sogar im Eigentum eines NS-Funktionärs stand. Fotodokumente und ein Familienstammbuch förderten jetzt Details über die Familie des Erbauers zu Tage. Angefangen mit Markus Hirschland, dem Erbauer des Hauses. Er wurde 1858 in Essen als "Sohn des Lotterieunternehmers Abraham Hirschland und dessen Frau Amalia geborene Hirschland" geboren. Er heiratete in Mannheim die 1863 geborene Saarländerin Marie Luise, "Tochter des verstorbenen Zugführers August Daugardt und dessen Ehefrau Maria geborene Huppert". Das Familienstammbuch weist nicht nur auf die unterschiedlichen sozialen Schichten hin, denen beide entstammten, sondern auch auf zwei Konfessionen: Er war Jude, sie evangelisch getauft. Das Paar hatte sechs Kinder, wobei das erste, die 1888 geborene Frieda, nach nur drei Monaten verstarb. Zwei Jahre später wurde Johanna geboren, dann Gertrude, Kurt und 1900 die Zwillinge Editha und Waltraude.

Die drei überlebenden Ältesten wurden getauft, und zwar alle am selben Tag im Juli 1897. Die Feier fand in der protestantischen Pfarrei Feudenheim statt. Damit hielten christliche Bräuche in der Familie Einzug. Zu den Kindheitserinnerungen Kurt Hirschlands gehören die Weihnachtsfeiern in der Schriesheimer Villa. Im "großen Saal" wurde der Baum aufgestellt und das Schlüsselloch verstopft, damit die neugierigen Kinder vor der Bescherung nichts mitbekamen. Erst am Abend durften sie den mit Spielzeug und Süßigkeiten geschmückten Baum bewundern. Das Haus hatte damals noch sein ursprüngliches Gesicht. Auffälligstes Merkmal war das bleiverglaste Treppenhaus-Fenster, das einen großen Hirsch zeigte. Wo heute der Turm die eine Hausseite beherrscht, gab es ursprünglich einen zum Teil mit Schindeln verkleideten Giebel.

Im Jahr 1912 starb Markus Hirschland, fünf Jahre später folgte ihm Tochter Editha, die ein Opfer der Influenza-Epidemie wurde. Johanna wurde Kinderärztin, heiratete Dr. Hans Neu und hatte mit ihm zwei Töchter, Ruth und Ursula, die ohne Nachkommen starben.

Gertrude Hirschland schlug den Weg zur Bühne ein: Sie wurde Opernsängerin, nannte sich Gertrude Land und sang Partien wie die Marthe aus "Tiefland" oder die "Brunhilde", für die sie sich in zeittypischen Helden-Posen fotografieren ließ. Kurt wurde Ingenieur und heiratete, blieb aber kinderlos. Waltraude heiratete den Abkömmling einer bekannten Münchner Familie Gustav Anselm Sendlinger und bekam die Tochter Edith Emilie Maria. Ihre Tochter Alice Moore und deren Kinder und Enkel sind die letzten bekannten Nachfahren der "Schriesheimer" Hirschlands. Nachdem Markus Hirschland gestorben war, blieb die Villa noch bis 1925 im Besitz der Familie. Die Witwe, Marie Hirschland, zog später nach Frankfurt, wo sie 1939 verstarb. Als eines der ersten Familienmitglieder wanderte Kurt Hirschland in die USA aus und ließ sich in Indiana nieder. Ende der fünfziger Jahre übergab er seiner Großnichte Alice Moore ein Bündel mit Fotos und alten Familiendokumenten, darunter die Fotos der Villa, die bis heute erhalten sind.

Die Hirschland-Nachkommen wohnen heute weit verstreut in den USA. Es stellte sich aber heraus, dass mehrere von ihnen den RNZ-Artikel lasen. So ergab es sich, dass durch das alte, längst verkaufte Haus zwei Familien-Zweige zueinanderfanden, die einander bereits aus den Augen verloren hatten. Der andere Hinweis zur Hischland-Villa kam übrigens aus Schriesheim. Jahrbuch-Autor Dr. Helmut Jenne berichtete, dass seine Tante zu den späteren Eigentümern des Hauses gehörte. Bei einem Fest lernten sich hier Jennes Eltern kennen. Und so kommt es vor, dass bis heute Familienfeste im Schriesheimer Tal im Hotel "Scheid" gefeiert werden – mit Blick auf das Haus, das auch mit der Geschichte dieser Familie eng verbunden ist.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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