06.05.2011

Das größte Hindernis sitzt im Kopf

Schriesheim. (keke) Was nützen alters- gerecht konzipierte Wohnungen, wenn ihre gebrechlichen Bewohner sie nicht mehr verlassen können? Wie kommt eine Seniorin an das Grab ihres Mannes, wenn der Friedhof nicht barrierefrei erreichbar ist? Gleichgültig ob privater oder öffentlicher Raum: Der demografische Wandel erfordert Handeln in vielen Bereichen. Was dabei Not tut, ist vor allem eine entsprechende Information. Hier gilt es Förderrichtlinien zu beachten, dort Normen einzuhalten und Gestaltungsmöglichkeiten richtig einzuschätzen oder Produkte und Dienstleistungen kennenzulernen.

"Der Handlungsbedarf ist enorm. Und er wird weiter steigen", weiß Altbürgermeister Peter Riehl um die darin steckende "Riesenchance" für das heimische Handwerk, sich neue Märkte zu erschließen. Sei es durch eine durchdachte Gestaltung der Küche, das rutschfeste Badezimmer oder einen Aufzug: "Überall kommt es auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Handwerkers an".

Als Projektpartner der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald für die Bereiche "Demografie und Kommunen" hat es sich Riehl mit Wirtschaftsförderer Torsten Filsinger zur Aufgabe gemacht, Defizite abzubauen, die lose baumelnden Informationsfäden zusammenzuführen und daraus ein Informationsnetz zu knüpfen. "Nicht zuletzt aber geht es darum, auf dem Rathaus eine zentrale Anlauf- und Koordinierungsstelle einzurichten, die Informationen bündelt, Ansprechpartner zur Verfügung stellt und eine gezielte Beratung ermöglicht". Der Ruf von Riehl und der Stadtverwaltung, an einem Seminar zum Thema "Chancen des demografischen Wandels für das Handwerk" teilzunehmen, verhallte am Wochenende nicht ungehört. Das Interesse war sogar so stark, dass Bürgermeister-Stellvertreter Siegfried Schlüter angesichts des unerwarteten Andrangs von Handwerkern, Architekten, Pflegedienstvertretern, Angehörigen der Sozialverbände und Bürgern zusätzliche Stühle ins Kleine Sitzungszimmer des Rathauses schleppte. "Für einen Rollator-Nutzer bedeutet eine Stufe vor einem Geschäft schon eine Stufe zuviel": Handwerkskammer-Geschäftsführer Nikolaus Teves hielt sich nicht mit langen Vorreden auf. Und machte schnell deutlich, dass es bei einem Umbau ebenso notwendig ist, Bedürfnisse zu identifizieren, wie Nachbarschaftsbeziehungen zu beachten: "Rollatoren besuchen sich gegenseitig."

90-150-20, das sind Normen, die vorgeschriebene Türbreiten, Bewegungs- und Wendeflächen vor der Fahrschachttür eines Aufzugs für Rollstuhlfahrer benennen. Gleichfalls kein Rechenfehler: Um einen maximal erlaubten sechsprozentigen Höhenunterschied von einem Meter zu überbrücken, ist eine 20 Meter lange Rampe erforderlich.

"Wir alle müssen ein Gefühl dafür bekommen, mit Barrieren umzugehen", diktierte Teves allen in den Notizblock: "wobei die größte Barriere das Wollen im Kopf ist". Barrierefreiheit bedeute Wohnraum, der allen gerecht wird und der Komfort sowie ein selbstbestimmtes Leben gewährleistet.

Lesen Sie mehr dazu in unserer Druckausgabe vom 6. Mai 2011.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung