16.06.2011

Existenzängste schon in jungen Jahren

Von Silvia Rothenburger

Schriesheim. Die Politik der kleinen Schritte ist bei den Ortsverbänden des VdK Alltag. Auch in Schriesheim. Längst ist der VdK nicht mehr der Verband für Kriegsbeschädigte – die meisten sind längst verstorben. In Schriesheim gehören gerade noch drei Mitglieder zu diesen Getreuen. Im RNZ-Gespräch mit dem VdK-Vorsitzenden Karl-Heinz Grüber, seiner Stellvertreterin und Schriftführerin Wanda Straka und Revisorin Hannelore Elle wurde mehr als einmal deutlich, dass der VdK als Sozialverband mehr denn je gebraucht wird.

Hartz IV, Altersarmut und die "Zermürbungstaktik bei Behördengängen", so die drei VdK’ler seien Themen, die die 35 Ortsverbände des Kreises immer wieder auf den Tisch bekommen. Der VdK vertritt die Interessen aller Sozialversicherten, insbesondere der Arbeitslosen, Behinderten, chronisch Kranken, Kriegs-, Wehr- und Zivildienstgeschädigten, Pflegebedürftigen, Unfallopfer und Rentner. Alleine in Schriesheim gibt es 600 (!) Bürger in diesem Personenkreis.

Geringverdiener hätten in Deutschland kein "Auffangnetz", teilte Grüber die Meinung von VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Die Folge sei spätere Altersarmut. Vor allem Frauen seien betroffen, so Grüber. Jeder Zehnte sei auf soziale Grundsicherung angewiesen, jedes sechste Kind von Armut betroffen. Und die beginne bei 930 Euro im Monat.
Ein Problem: Viele würden gerne Mitglied im VdK werden, um ihre Rechte vertreten zu lassen, können aber den nötigen Jahresbeitrag von 60 Euro nicht zahlen. Den wiederum braucht der VdK zum Erstreiten von Rechten seiner Mitglieder. Und die seien umfangreich: "Gerade im Sozialrecht wird viel für diese Menschen getan". Wenn die Behörden nicht die eine oder andere Hürde aufbauen würden. Apropos Hürde: Barrierefreiheit in öffentlichen Einrichtungen ist auch ein VdK-Thema. Einiges habe sich in Schriesheim verbessert, doch noch genug liege im Argen. Auch der VdK reagiert hier und wird seine Sprechstunden ab August wieder im "Bachschlössl" anbieten – mit ebenerdigem Zugang.

Eine Wohnung, die Grundsicherung und die Pflege sind Schwerpunkte in der Beratungstätigkeit des VdK. Das Problem: Viele kämen erst dann, wenn die Situation fast schon ausweglos sei und der soziale Abrutsch schon begonnen habe, so Grüber: "Doch der demografische Wandel ist nicht alleine die oft zitierte Ursache." Das Problem beginne lange vor dem Renteneintritt. Es gebe immer weniger entsprechend bezahlte Vollzeitbeschäftigungen. Lieber würden Ausgleichszahlungen der Arbeitsämter und andere Zulagen vom Stellenangebot abgezogen: "Übrig bleibt dann ein 400 Euro-Job, nach dem Motto: ’Den Rest macht der Staat’".

Eine Hauptforderung des VdK ist der "soziale Rettungsschirm". Das Solidaritätsprinzip sei in Gefahr, so Straka: "Wie sollen Menschen zum Solidaritätsgedanken erzogen werden, wenn sie bereits in jungen Jahren schon selbst von Existenzangst betroffen sind". Karl-Heinz Grüber und Wanda Strakas Resümee klang bitter. Auf die Politiker setzen sie längst nicht mehr. Für diese sei Sozialpolitik nur ein Werkzeug zur Sicherung der eigenen Daseinsberechtigung.

Die Wunden schließe der VdK an der Basis. Und das durch ehrenamtliche Beratung. Aber jüngere Mitglieder zu gewinnen sei schwierig, denn als Betroffene hätten sie nicht selten Schamgefühle und Angst. Der psychische Druck sei immens. Das gehe bis zur Suizidgefahr, so Grüber. Für den VdK ist auch die allgegenwärtige Bürokratie eine Barriere. Schon bei Antragstellungen würden die Probleme beginnen.

Diesen stellen sich die Aktiven des VdK. Sie mögen die Arbeit für und mit den Mitgliedern des Sozialverbands: "Auch wenn es oft schwierig ist", so Straka. Nicht selten würden die Familien den VdK-Aktiven den Rücken für die ehrenamtliche Arbeit freihalten oder sie darin unterstützen.

"Wir sind stolz, wenn wir für unsere Mitglieder wieder etwas erreichen konnten, sei es auch nur ein kleiner Schritt, zum Beispiel bei der Renten-Garantie, beim Erreichen einer Genehmigung zur Kur oder die Genehmigung von Pflegegeld oder Hilfsmitten, um den Menschen so lange wie möglich die Selbstständigkeit zu erhalten", ergänzte Grüber.

Dankbar ist der VdK auch der Stadt Schriesheim dafür, dass sie dem Verband unentgeltlich Räume für die Sozialsprechstunden zur Verfügung stellt. Aus eigener Kraft könne das der Ortsverband nicht tragen. Zumal er bestrebt ist, auch gesellige Angebote zu machen: "Damit die Menschen, für die wir da sind, nicht in die Isolation geraten"

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung