05.08.2011

Ein Stück Himmel in der Kirchstraße

Ein Stück Himmel in der Kirchstraße

Mehr Licht für den Kirchenraum: Die Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde, Lothar Mößner (Ost) und Suse Best (West) mit dem Projektleiter der Kirchensanierung, Jürgen Keller (von links). Foto: Dorn

Von Diana Deutsch

Schriesheim. Offen, aber warm. Hell, aber gemütlich. Heilig, aber mit Hightech. So soll sie aussehen, die "neue" evangelische Stadtkirche von Schriesheim. 1,2 Millionen Euro stehen zur Verfügung für die Renovierung der großen spätbarocken Hallenkirche, die sich seit 1751 malerisch an die Stadtmauer schmiegt. 800 000 Euro investiert die Evangelische Stiftung Pflege Schönau; 400 000 Euro bringt die Kirchengemeinde selbst auf. Vier renommierte Architektenbüros aus der Region und ein talentierter Newcomer brüten derzeit über Entwürfen für die Neugestaltung des Gotteshauses. Am 19. Oktober fällt die Entscheidung, wer den Auftrag erhält. "Bald nach Weihnachten", wünscht sich Pfarrer Lothar Mößner, "sollte der Umbau beginnen."

Die Tür zum Paradies befindet sich im Chor der evangelischen Stadtkirche von Schriesheim. Man sieht, wie Jesus Christus, eingehüllt in weiche Wolken und umstrahlt von einer Aura goldenen Lichts, hinaufschwebt in den geöffneten Himmel. "Unsere Gemeindemitglieder identifizieren sich stark mit dem Himmelfahrtsfenster hinter dem Altar", sagt Pfarrerin Suse Best. 1899 wurde das leuchtende Glaskunstwerk vom großherzoglichen Oberbaurat Karl Behaghel in Auftrag gegeben. Bei der kommenden Sanierung dient das Fenster als Leitmotiv. "Wir wollen den Himmel in den Kirchenraum hereinholen", erklärt Best.

Das bedeutet vor allem: mehr Licht. Die schwere Empore, die den Raum optisch niederdrückt und von einem wahren Säulenwald getragen wird, nimmt nicht nur vielen Gottesdienstbesuchern die Sicht. Sie sperrt auch das Tageslicht, das durch die Fenster im Langhaus fällt, fast völlig aus. Also weg mit den Seitenteilen der Empore? An dieser Frage dürfen sich die Architekten die Zähne ausbeißen. Gleichzeitig sollen sie auch ein modernes Beleuchtungskonzept für die verschiedenen Gottesdienstformen entwerfen. Eine festliche Konfirmation verlangt nach anderem Licht als ein Jugendgottesdienst oder eine Adventsandacht.

"In Schriesheim haben wir es mit einer sehr lebendigen Gemeinde zu tun", lobt Jürgen Keller. Der Architekt ist Geschäftsführer der "prokiba GmbH" in Karlsruhe, die im Auftrag der Pflege Schönau und der Badischen Landeskirche Bauprojekte betreut. In Schriesheim übernimmt Keller nicht nur die Projektleitung bei der Kirchensanierung. Das prokiba-Team erstellt gleichzeitig eine Studie über die evangelischen Liegenschaften in der Weinstadt. Es geht darum, den Immobilienbestand an die prognostizierte Entwicklung der Gemeinde in den nächsten zwanzig Jahren anzupassen. Wie engagiert die Schriesheimer Protestanten ihre Bedürfnisse in die Stadtkirchen-Planung einbrachten, das hat Bauprofi Jürgen Keller sichtlich beeindruckt. "So etwas erlebt man selten."

Das Ergebnis der leidenschaftlichen Diskussion: Gemeinde, Altar und Kanzel sollen enger zusammenrücken. "Statt im Chor könnte der Altar künftig in der Halle stehen, an drei Seiten umgeben von Kirchenbänken", überlegt Pfarrer Mößner. Damit wäre auch das Problem mit der Akustik behoben. Momentan nämlich versteht man die Predigten schlecht.

Hinter dem Altar könnte eine Art Bühne entsteht. Für die beiden Posaunenchöre oder die drei Rockbands beispielsweise, die zur Gemeinde gehören. Auf Kirchenbänke wollen die 5500 Schriesheimer Protestanten keinesfalls verzichten. Sie sollen allerdings nur noch Platz für fünfhundert Gottesdienstbesucher bieten, nicht mehr wie bislang für tausend.

Ob das Dach der Stadtkirche repariert werden muss, steht noch nicht fest, berichtet Keller. Die Heizung wird auf jeden Fall komplett erneuert, denn ihre Energiebilanz ist eine Katastrophe. "Im Winter heizen wir ganz Schriesheim und frieren trotzdem", formuliert Mößner. Die Orgel wird saniert und erweitert, soll aber ihren Platz auf der Empore behalten. Angedacht sind Rampen und ein Aufzug, damit die Stadtkirche und das Alte Gemeindehaus barrierefrei werden. Im Erdgeschoss des Alten Gemeindehauses, das 1925 direkt an die Kirche angebaut wurde, soll ein Begegnungszentrum entstehen. "Wir wünschen uns einen großen Mehrzweckraum mit Kaffeeküche, in dem sich alle Gruppen von den Senioren über die Diakonie bis hin zur Nachbarschaftshilfe wohlfühlen", erklärt Franziska Mersi, die Vorsitzende des Kirchengemeinderates.

Der größte Wunsch der beiden Pfarrer ist es, dass die renovierte Stadtkirche von den Schriesheimern als "Raum der Stille" angenommen wird. Ein kleines Stückchen Himmel inmitten des geschäftigen Gewusels. Pfarrer Mößner: "Sobald die Stadtkirche saniert ist, bleibt sie auf jeden Fall die ganze Woche über geöffnet."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung