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28.09.2011

Sie waren froh in Schriesheim zu sein

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. So viele Einträge wie am Donnerstaghat das Goldene Buch der Stadt Schriesheim schon lange nicht mehr bekommen. Fast jeder Teilnehmer der 36-köpfigen Delegation aus dem französischen Saint-Diè-des-Vosges trug sich hier gestern ein. Antoine Seara, Stellvertretender Bürgermeister von Saint-Dié, schrieb von der Erinnerung an einen schönen Tag, andere bedankten sich für die Einladung und den freundlichen Empfang. "Fils de déporté, je suis très heureux d 'être au voyage en Allemagne en ce jour" war das Bekenntnis eines Zwangsarbeiter-Sohnes, der sich über die Einladung nach Schriesheim freute.

Bürgermeister-Stellvertreter Siegfried Schlüter begrüßte ehemalige französische Zwangsarbeiter, Vertreter der "Association des Déportés de Mannheim" (Verein der Deportierten von Mannheim) sowie Angehörige und Nachkommen von Zwangsarbeitern im Ratssaal. Bei einem Gläschen Sekt tauten Gäste und Gastgeber wie die Organisatorin Monika Stärker-Weineck und Mitglieder des Partnerschaftsvereins langsam auf. Zugucken durften dabei Zehntklässler der Kurpfalz-Realschule, die mit ihrer Lehrerin Margitta Padberg gekommen waren. Doch das eigentliche "Warmwerden" bekamen sie nicht mehr mit. Das vollzog sich im wahrsten Sinne des Worts schrittweise beim gemeinsamen Stadtrundgang, den die Gäste unter Führung von Romy Schilling und Stärker-Weineck antraten, während Brigitte Gille und Anne Marie Tible, Tochter des damaligen französischen Gruppenleiters Robert Tible, übersetzten.

Stationen waren die Ölmühle, in der Robert Tible arbeitete, die ehemalige Synagoge, in der die Arbeiter untergebracht waren und die katholische Kirche, wo Pfarrer Peter Eberhard an Weihnachten 1944 den Segen für die Zwangsarbeiter auf Französisch sprach. Weiter ging es zum heutigen Laden "Utes Bücherstube", in dem damals der Düngemittelhandel Näher untergebracht war. Hier war Michel Bodaine eingesetzt, der zusammen mit Jean Faas als einziger aus der damaligen Gruppe noch am Leben ist. Allerdings war nur dem heute 86-jährigen Bodaine das Kommen noch möglich.

Sind doch mittlerweile selbst die Kinder der damaligen Deportierten schon alt und zum Teil gebrechlich, so dass das Programm längst nicht für alle zu schaffen war. Zwei der Teilnehmer erlitten im Laufe des Tages Schwächeanfälle, eine Frau musste sogar einen Arzt aufsuchen.

Dafür ergaben sich am Rand immer wieder Gelegenheiten zum Gespräch, wie sie auch die drei jüngsten Teilnehmer des Rundgangs nutzten, drei Gymnasiasten der Integrierten Gesamtschule Mannheim-Herzogenried. An der Schule wurde vor knapp zehn Jahren erstmals die Geschichte der französischen Zwangsarbeiter im Mannheimer Raum dokumentiert. Auch der mittlerweile verstorbene "Ölmüller" Heinrich Rufer wirkte dabei mit. Seine Mutter wurde von Tible 1944 in die Geheimnisse der französischen Küche eingeweiht, während sie ihm Deutsch beibrachte. Der Unterricht machte auf beiden Seiten gute Fortschritte, bis Tible mit seiner "Patronin" Pommes Frites zubereiten wollte. Die Schriesheimerin protestierte energisch, denn sie wollte auf keinen Fall einen ganzen Topf gutes Öl verschwenden, nur um darin "Bratkartoffeln" zu backen.

Deutsche Küche konnten die Gäste anschließend im Weingut Majer genießen, wo die Gespräche nach einer Begrüßung durch Bürgermeister Hansjörg Höfer bei Rinderbraten, Spätzle und Weincreme fortgesetzt wurden. Hier berichtete Susanna Martinez-Schwöbel von ihrer Zeit in Saint-Dié, die sie bei der befreundeten Familie Petitdemange verbrachte. In den sechziger Jahren, so ihre Erfahrung, waren Themen wie Kriegsverbrechen noch tabu. Etwas, das sich seither gründlich änderte. Nicht zuletzt, weil man heute in einem vereinten, freien Europa lebe, wie Schlüter eingangs erklärte. Auf Französisch.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung