16.01.2012

Zurückhaltung war seine Sache noch nie

Zurückhaltung war seine Sache noch nie

Foto: Kresin/Plakat: Klaus Staeck

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Die Nachricht, dass dieses Jahr die Werke eines ganz Großen unter den politischen Satirikern den Weg zur Mathaisemarkt-Kunstausstellung finden, liest man eher zufällig auf der Homepage des Kulturkreises: "Vernissage und Dauerausstellung während des Mathaisemarkts" heißt es da. Mit dem Zusatz "Politische Plakate von Klaus Staeck, Haus der Feuerwehr".

Klaus Staeck, seit 50 Jahren durch seine politischen Postkarten und Plakate bundesweit bekannt, wurde zeit seines Schaffens ebenso hoch dekoriert wie angefeindet. Zuletzt verlegte man sich aber eher aufs Dekorieren. So wurde der Jurist, Autodidakt in Sachen Kunst, Documenta-Teilnehmer, Kolumnist der "Frankfurter Rundschau" und Gastdozent der Kasseler Gesamthochschule und der Düsseldorfer Kunsthochschule nicht nur mit Preisen ausgezeichnet, sondern auch 2006 und 2009 zum Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin gewählt. Unzählige Ausstellungen finden sich in seiner Vita, aber auch ein Hinweis in eigener Sache: "41 Mal wurde erfolglos versucht, Plakate und Postkarten juristisch verbieten zu lassen."

Fast kann man es verstehen, wenn man die Fotomontagen und mit Texten versehenen Drucke sieht. Bissig sind sie, oft lustig, nachdenklich, immer kritisch. Zur stehenden Redewendung wurde der Satz "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?", den er 1971 in das Porträt von Albrecht Dürers Mutter montierte.

Aus der aufopfernden Frauengestalt mit unterwürfigem Blick und Mutter-Gottes-Kopftuch wird dadurch ein bedauernswertes Wesen, der faltige Hals und die Triefaugen zitieren das Klischee der Altersarmut. Zudem spielt das Ganze auf die Tagespolitik an, denn das Plakat, zu Dürers 500. Geburtstag überall in Nürnberg aufgehängt, prangert die Innenstadtsanierung und die damit einhergehende Entmietung alter Häuser an. Ein knallblauer Himmel und ein verschroben-kubistisches Kunstwerk eines Hauses ziehen bei einem anderen Bild die Blicke auf sich. "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!", steht darüber. Zeittypisch wenig subtil spiegelt das Plakat das Schwarz-Weiß-Denken der Sechziger und Siebziger, der Zeit, in der Staeck einem breiteren Publikum bekannt wurde. Die Zielscheiben für seine Kritik und seinen Spott suchte das SPD-Mitglied gerne beim politischen Gegner. Mit dem Slogan "Dahinter steckt ein kluger Kopf" war etwa das Plakat überschrieben, das Franz-Josef Strauß beim Lesen einer Bildzeitung darstellt. Die Schlagzeile verkündet "Juso beißt wehrloses Kind".

Die oft verharmlosende Einstellung vieler Genossen gegenüber der DDR teilte Staeck indes nie, wohl auch wegen eigener Erfahrungen. Am 17. Juni 1953 erlebte er bei einer Demonstration in Bitterfeld, wie die Sowjetarmee die Proteste brutal unterdrückte. "Für den 15-jährigen Oberschüler Klaus Staeck geht spätestens mit diesem Tag jede Illusion über die DDR verloren", steht als Fazit unter seinem Zeitzeugenbericht.

Zur Wiedervereinigung zitiert er Willy Brand: "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört". Der Satz steht unter dem Bild einer Banane, aus deren geschälter oberer Hälfte ein leuchtend rosa Wurstzipfel ragt. Vielleicht ging das Motiv ein wenig unter gegen das legendäre "Titanic"-Plakat von der "Zonen-Gaby". Bekannt wurde es dennoch. Das Schicksal, haarscharf, aber doch neben einer aktuellen politischen Entwicklung zu karikieren, widerfuhr Staeck, als er im Jahr 2001 die "Climate Killers" mit einem geifernden Bush vor einer zerstörten Landschaft anprangerte. Die Kritik ging angesichts der Anschläge auf das World Trade Center unter.

Zurückhaltung war Staecks Sache nie, weder als Kritiker einer Arno-Breker-Ausstellung, noch als Initiator einer Schau über den jüngst verstorbenen Johannes Heesters. Seine Poster hängen trotz aller Querelen längst nicht nur in Ausstellungen und Kunsthallen. Die Postkarten sind Staecks Sache. Er sagt auf seiner Homepage: "Die Postkarten waren für mich immer wichtig. Sie sind stets Hauptsache, nie Nebenprodukt meiner Arbeit. Die Karten sind meine große Liebe, weil sie im guten Sinne populär sein können: jedermann zugänglich, billig und benutzbar."

Info: Vernissage der Mathaisemarkt-Kunstausstellung des KKS: Freitag, 2. März, 18 Uhr, Haus der Feuerwehr.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung