07.02.2012

"Wir sind förmlich überrannt worden"

"Wir sind förmlich überrannt worden"

Warm eingepackt mundete der Wein natürlich besonders gut. Foto: Dorn

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Eiskalten Wein und lauwarme Cervisia will der britische Wirt Astrix und Obelix servieren. Ersteres gab es auch gestern bei der Rotweinwanderung, auf die Cervisia musste man dagegen verzichten. Zwar taten die Wirte und Winzer alles, um ihre Tröpfchen schön lauwarm zu temperieren, bei minus zehn Grad wurde der eine oder andere St. Laurent dann aber spätestens im Glas zu Eiswein. Da half nur eins: Schnell trinken. Los ging es am Alten Rathaus, wo Bürgermeister Hansjörg Höfer und die Weinhoheiten den Startschuss gaben.

Im Zelt des Verkehrsvereins, der hier den Ausschank übernahm, wurde man schon von den würzigen Glühweindünsten leicht beschwipst und auch etwas sentimental, stimmten doch draußen die Jagdhornbläser "Kein schöner Land" an. Sie sollten recht behalten: So schön wie gestern hatte man die Rebhänge während des ganzen trüben, diesigen Winters nicht erlebt. Beim eiskalten, windstillen Wetter präsentierte sich der südliche Teil des Weinbaugebiets von seiner Schokoladenseite, und schon am Vormittag lockte die Sonne so viele Wanderer in die Altstadt, dass der ganze Rathausplatz voller Menschen war.

"Überrascht und erfreut" zeigte sich denn auch Verkehrsvereins-Vorsitzender Karl-Heinz Schulz. Angelockt wurden die Besucherscharen vom kulinarischen Angebot der Winzer und Wirte, das fein auf das Thema Rotwein abgestimmt war. Beim Stand des Hotel-Restaurants "Neues Ludwigstal", etwas oberhalb des Weinbergswegs, gelegen, war das etwa ein cremiges Hirschgulasch mit Preiselbeeren, zu dem ein fruchtiger Spätburgunder Rotwein gereicht wurde. Am Stand des Weinguts Jäck, wo Heizpilze und ein Feuer in der Zinkwanne für Wärme sorgten, lockte der Duft von "Bigos", einem polnischen Kraut-Eintopf, das nach Originalrezept bereits seit dem Donnerstag vor sich hinschmurgelte und die verschiedensten Kräuteraromen annahm. Lecker war dazu etwa der 2008er Cabernet Dorio Kabinett halbtrocken oder eine Spätlese aus dem Barrique.

Ähnlich wie die mild-vanilligen Rotweine verlief auch die Wanderstrecke: Mal sanft ansteigend, dann wieder kerzengerade durch Weinberge und Rebhänge, immer die Strahlenburg im Rücken und immer schön in der Wintersonne, so dass aus den minus drei Grad gefühlte Plusgrade wurden.

Bei der Winzergenossenschaft (WG) saß man auf Strohballen oder stand an hübsch dekorierten Stehtischen. Der Winzereintopf auf Rotweinbasis, von dem WG-Vorstand Harald Weiss noch auf dem Weg zum Stand geschwärmt hatte, war allerdings am Nachmittag bereits verputzt. Da war es so voll, dass sämtliche Stände von Wanderern belagert waren und auch auf den Wegen viel Betrieb herrschte. "Wir hatten 200 Portionen eingeplant", erklärte Weiss und verwies darauf, dass es angesichts der ersten Rotweinwanderung ja noch keine Erfahrungswerte gab. Er hatte unter den Gästen auch Lothar Schlesinger vom Amt für Flurneuordnung gesichtet, der sich angesichts des für die südlichen Lagen geplanten ILEK-Projekts schon mal ein Bild von der touristischen Attraktion der Lage machte.

Eine schöne Wanderstrecke durch die Reben folgte, und schon war man am Stand der Weinscheuer Majer. Hier hatte man das Thema "Käse und Wein" alpenländisch interpretiert und einen Schweizer Raclettegrill aufgebaut. Der würzig duftende, zart geschmolzene Käse harmonierte mit einem vollmundigen Bordeaux Chatelier. Anschließend führte der Weg leicht abschüssig zur Kelterhalle und zum Weingut Wehweck.

Hier konnte man an Bierbänken und Stehtischen die Nachmittagssonne auskosten, sich am Feuerkorb wärmen und dazu eine Rindswurst und einen WeSecco oder einen trockenen Dornfelder genießen. Einen 2009er Merlot aus dem Holzfass, Kinderpunsch oder eine ausgezeichnet temperierte Rotweincuvée gab es am Stand des Weinguts Bielig, dazu passte der feine Rotweinkuchen oder zur Abwechslung auch mal eine Tasse Kaffee. Ein langer, topfebener Endspurt führte zur letzten (Aufwärm-)Station im Hotel-Restaurant "Zur Pfalz". Seit dem Vormittag herrschte hier Hochbetrieb, Gaststube, Zelt und Nebenräume waren voll besetzt, Wildschweinragout und Gemüseeintopf recht schnell ausverkauft.

"Wir sind förmlich überrannt worden", war Wirt Jürgen Opfermann geplättet. Allerdings, um im "Asterix"-Bild zu bleiben, nicht von Barbarenhorden, sondern eher von sonnenhungrigen Spaziergängern.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung