28.02.2012

Schriesheim war Zentrum des Buddhismus

Schriesheim. (sk) In der Ladenburger Straße parken beidseitig die Autos, vor der Mehrzweckhalle wird man von Helfern in neonfarbenen Westen eingewiesen. Ein Parkplatz wird mit Getränkekisten frei gehalten, auf einem Schild steht in ungelenker Schrift, für wen: "Lama". Für zwei Tage hat sich nämlich hoher Besuch in der Weinstadt angekündigt: Lama Ole Nydahl, einst Schüler des 16. tibetischen Karmapa und einziger westlicher Lama überhaupt, spricht in der Mehrzweckhalle über Buddhismus.

Mehr als 1000 Besucher haben sich angekündigt, auf dem Parkplatz stehen Autos aus Österreich, der Schweiz oder aus Hamburg. Ordnungsamtschef Willy Philipp und die Freiwillige Feuerwehr sorgen für Ordnung. Bürgermeister, Goldenes Buch und Shake-Hands fürs Pressefoto mit dem Besucher sind allerdings Fehlanzeige. Das haben die ehrenamtlichen Organisatoren vom Buddhistischen Zentrum Heidelberg nicht vorgesehen. "Der Buddhismus missioniert nämlich nicht", betonen sie.

Trotzdem oder deswegen findet er Anklang vor allem bei der jüngeren Generation, das Gros der Besucher ist zwischen 20 und 50 Jahren alt. Die Stimmung ist aufgeräumt, obwohl gerade bekannt wurde, dass der Lama im Stau steckt und erst mit Verspätung ankommen wird. Gelassenheit ist eine der buddhistischen Tugenden, das ist wohl eine Erklärung. Es ist voll, vor dem Eingang bilden sich Schlangen. Die Halle selbst wirkt an diesem Tag wie ein übergroßes Studentenwohnzimmer: An den Eingängen türmen sich die Straßenschuhe auf Ikea-Holzregalen, drinnen sitzt man auf Meditationskissen und Decken.

Die Wartezeit auf den Lama wird mit einem Vortrag des "Reiselehrers" Wojtek Tracewski verkürzt. Der gebürtige Pole gewinnt sein Publikum durch Humor, spart nicht an Polenwitzen und liefert nebenbei eine spannende Einführung in seine Religion. Schon aus dem Verhalten von Einzellern kann man demnach zwei grundsätzliche Prinzipien ableiten: Sie fressen Kleinere und versuchen, nicht selbst gefressen zu werden. Sie streben also nach Glück und versuchen, Leid zu vermeiden. Dem Menschen stehen bei einer problemlosen Verfolgung dieses Prinzips zwei Dinge im Weg: Seine Unwissenheit und die Existenz vergänglicher Phänomene. Hängt man sein Glück an letztere, dann ist es auch vergänglich, was auf lange Sicht unbefriedigend ist, denn der Mensch strebt dauerhafte Freude an. Diese Freude, das war die Erfahrung Buddhas vor 2500 Jahren, bringt nur die Loslösung von der "Person", also von allen Eigenschaften, die an die vergängliche Hülle geknüpft sind wie Stolz, Eifersucht oder Ehrgeiz. "Wohlgemerkt die Loslösung der Person, die Persönlichkeit behält man", sagt Wojtek. Er räumt den Platz auf der Bühne für den Lama, der mittlerweile gekommen ist. Wer ihn zum ersten Mal sieht, mag enttäuscht sein: Er trägt keine Wallegewänder und hat kein Gefolge, sondern ist einfach ein älterer Mann in sportlicher Kleidung. Er wirkt etwas unkonzentriert, hat gerade eine dreiwöchige Tour durch Russland hinter sich und ist auf dem Sprung nach Australien und Neuseeland, denn er hat den Ehrgeiz, jährlich allen 650 buddhistischen Zentren der westlichen Welt einen Besuch abzustatten.

Mit seinem Vortrag macht er da weiter, wo sein Vorgänger aufgehört hat, immer wieder unterbrochen von Anfragen der Zuhörer, die ihm kleine Zettel nach oben reichen. Auf jede Frage geht der Lama geduldig ein, und so dauert es eine Weile, bis er auf den Punkt kommt. Das Unvergängliche ist Nydahls Thema, die Erfahrung, die Buddha einst bei seiner Meditation machte. "Er wollte den Geist finden, aber er fand nichts", sagt der Lama.

Als Erfahrungs-, nicht als Glaubensreligion steht der Buddhismus damit aber nicht vor einem "schwarzen Loch", sondern vor der Aufhebung der klassischen Dualität. Statt Gut und Böse, Schwarz und Weiß sieht der Meditierende auf etwas Unmessbares. "Er blickt auf das Bild hinterm Spiegel, auf eine leuchtende Weite", sagt Nydahl. Mit der Befreiung vom Ich und seinen "Anhaftungen" wie dem Zorn erlebt er gleichzeitig die Befreiung vom Leiden. Der Zorn, als Familienstreit oder als Krieg, könne alles kaputt machen. Nur mit Einsicht könne man ewige Wiederholungen vermeiden, sagt Nydahl: "Ihr Deutschen seid durch eure Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg recht gut davor geschützt."

Buddha sei kein "Weihnachtsmann" und verschenke nichts, denn alles sei bereits im Menschen angelegt. Weshalb auch auf Dogmen und blinde Gefolgschaft verzichtet werde. Nydahl zitiert Buddha, der noch auf dem Totenbett warnte: "Glaubt nichts, bloß weil es von Buddha stammt, sondern vertraut immer eurer eigenen kritischen Vernunft."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung