13.03.2012

Es ist nicht leicht für Karl Maier

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Dem Riesenrad fehlen schon die Sitze, dem Autoscooter der Boden und dem Kettenkarussell die Ketten: Der Abbau des Mathaisemarkts geht mit zügiger Routine vonstatten, bald erinnert nichts mehr an das Fest. Im Festzelt werkeln zwölf Handwerker, um das Zelt binnen einer Woche zu demontieren, auf Tieflader zu packen und nach Stuttgart zu transportieren. Zum letzten Mal nach 30 Jahren reißen die Fahrer diese Tour herunter, der diesjährige Mathaisemarkt war ja zugleich der letzte für den Festzeltbetreiber "Göckelesmaier".

Festzeltwirt Karl Maier sitzt im Wohnwagen hinterm Zelt an seinen Abrechnungen, vor sich die große Fotocollage, die Bürgermeister Hansjörg Höfer seiner Mutter und ihm zum Abschied überreichte. Fotos aus 30 Jahren "Göckelesmaier" auf dem Mathaisemarkt sind da zu sehen, Bilder von Boxkämpfen, Mittelstandskundgebungen, Modenschauen oder "Schriesheimer Abenden". In Gedanken ist Karl Maier bereits auf dem Stuttgarter Frühlingsfest. Später geht es weiter nach Göppingen, Balingen, Heilbronn, Bietigheim und schließlich zum Canstatter Wasen, dem mit 40 von 80 Spieltagen, ungezählten Firmen-Events, Sonderveranstaltungen und Vorreservierungen größten Fest. Der Mathaisemarkt, gemeinhin als das größte Frühlingsfest der Region gefeiert, nimmt sich dagegen klein aus. Die Stimmung zu Beginn des einwöchigen Abbaus ist dennoch gedrückt. "Es ist nicht leicht", sagt Maier und ergänzt nach einer Pause, "gestern war ich zum Schluss doch recht wehmütig." Da leerte sich abends das Zelt, da schloss er die Türen zum letzten Mal hinter sich ab.

Vieles ist hier anders als auf den großen Festen, persönlicher, man kennt sich. "Wir leben jedes Jahr vier Wochen auf dem Festplatz, die Angrenzer sind in der Zeit unsere Nachbarn", erklärt Maier. Er spricht in der Gegenwartsform, als sei es noch nicht vorbei. Der Rundgang über den Platz, der kurze Weg ins Eiscafé "Ferrario" und die Bekanntschaft mit den Schriesheimern gehörten dazu. Respekt vor "Machern" wie Altbürgermeister Peter Riehl ebenso, der aus einem "Feschtle" mit Akribie, guten Beziehungen und ständigem Feilen am Programm etwas Besonderes machte. Maier revanchierte sich, spendierte "Göckel" zum Vereinsabend und zuletzt auch zum Altenfrühschoppen.

"Ich würde gern wieder kommen", bedauert Ioan Mayer. Seit 13 Jahren kommt der Elektriker nach Schriesheim, kümmert sich um Auf- und Abbau und später um die Weinlieferungen. Er mag die Menschen, sie haben persönlich Abschied genommen, "sie sind gemütlich und freundlich." Bis Ende der Woche ist er noch da, die 30 Kellnerinnen und Kellner sind bereits weg. Unter ihnen Urgesteine wie Lajos, die Mannheimerin Angelika, Oberkellner Andrew oder Jürgen aus Köln, der am längsten mit dabei war.

Während die Arbeiter das stählerne Bühnengerippe demontieren, kommt so etwas wie eine "Altlast" zutage: Drei Kisten mit blauen Aschenbechern, in Weiß das RNZ-Logo. "Was sollen wir damit machen?", fragt Maier per Handy RNZ-Medienberater Dieter Barth. "Entsorgen", bittet der. Seit Einführung des Rauchverbots gehören die Ascher der Vergangenheit an. Die goldenen Hoheiten-Thronsessel, bereits in Planen verpackt, gehen zusammen mit dem großen, bemalten Schriesheim-Transparent einen anderen Weg: Im Bauhof warten sie auf das nächste Jahr. Und auf einen neuen Festzeltwirt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung