21.03.2012

Eine Ruine alter Herrlichkeit

Eine Ruine alter Herrlichkeit

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Früher war das "Schauinsland" ein beliebtes Ausflugslokal auf dem Branich, doch seit vielen Jahren steht es leer. Als der Ausschuss für Technik und Umwelt (ATU) kürzlich den Abriss und Neubau eines Hauses auf dem Branich behandelte, hofften manche, dass das die Chance für das Grundstück sein könnte. Es ging jedoch um ein Nachbargebäude. Aber ganz nebenbei fiel der Blick auf die ehemalige Gaststätte, die vor über 80 Jahren eröffnet und Teil der Geschichte des Branichs wurde.

Mit dem Bau verbunden ist vor allem der Name der Familie Menges. 1929 kaufte Jakob Menges das Grundstück und baute hier ein kleines Haus. Es war eines der ersten. Vorher gab es hier keine Wohnbebauung, sondern lediglich Wingerthütten und eine Blockhütte für Wanderer. Dem Beispiel eines Mannheimer Rechtsanwalts folgend, bauten ab 1921 immer mehr Erholungsuchende Wochenendhäuschen auf dem Branich. Familie Menges verkaufte an sie Flaschenbier und Limonade. Ihr Häuschen wurde dafür bald zu klein, so dass daneben ein größeres Gebäude entstand, das zur Kerwe 1931 als Gasthaus "Schauinsland" öffnete. Als erstes Haus auf dem Branich hatte es elektrisches Licht. Das Wasser musste in den ersten Jahren noch aus einer Quelle im Laubelt geholt werden, statt Abwasserleitungen gab es Senkgruben. Ein Genuss war dagegen der Blick ins Tal, der dem Flecken seinen Namen gab. Zu essen gab es Jäger- und Paprikaschnitzel und Rumpsteaks.

Der Krieg und die Luftangriffe auf die Städte der Umgebung änderten die Verhältnisse auf dem Berg: Die Menschen flüchteten in ihre Wochenendhäuschen, viele blieben dauerhaft. Als nach dem Krieg die Flüchtlingswelle einsetzte, wurden zwei Familien im "Schauinsland" einquartiert. Jakob Menges' Sohn Ernst kam aus dem Krieg nicht mehr nach Hause, sein Bruder Willi kehrte 1949 als kranker Mann aus russischer Gefangenschaft heim. Er übernahm die Gastwirtschaft, da einige Jahre zuvor der Gründer verstorben war.

"Alles hat sich hier abgespielt"

Die ganze Familie half mit, Verwandte standen hinterm Tresen und bedienten, mit dabei waren auch Monika und Karl-Heinz Menges, Nichte und Neffe des Wirts. Deren Mutter war Klara Menges, bis ins Jahr 1984 als Posthalterin "Klärle" auf dem Branich bekannt und beliebt. Kurz nach dem Krieg erlebte das "Schauinsland" ein kurzes Intermezzo als "Konsum"-Verkaufsstelle, bevor das Geschäft ein paar Häuser weiter weg zog. Später kamen die Wanderer zurück.

Auf der Karte standen typische Fünfziger-Jahre-Gerichte wie Russische Eier. "Damals hat sich alles hier abgespielt", erinnert sich "Branich-Kind" Isolde Nelles, heute Vorsitzende der Interessengemeinschaft Branich: "Weihnachtsfeiern, Familienfeste und Kinderfasching."

Bald wurde der Gastraum zu klein, Willi Menges baute zwei Gasträume an, das große Nebenzimmer und das Jagdzimmer. Zu letzterem passten die Wildgerichte, zu denen die Seniorchefin Hausmacher Nudeln servierte. Immer wieder wurde umgebaut: Aus den ursprünglich drei Terrassen wurde eine einzige, größere Sitzfläche gemacht, im Keller entstand eine Kegelbahn. Willi Menges übergab das Lokal später an seinen Sohn Gerhard, der es in den achtziger Jahren verkaufte.

Die Professorenfamilie Sappa wollte hier ein Gourmetlokal einrichten. Am Nikolaustag 1986 wurde das Restaurant nach einigen Umbauten wiedereröffnet. Etwa zehn Jahre lang war das "Schauinsland" jetzt ein "Gourmettempel", zum Schluss mit wechselnden Betreibern: Ein Koch aus Bayern war ebenso darunter wie der Küchenchef der benachbarten Strahlenburg. Alle scheiterten letztlich an einem Umstand, der in den Gründungsjahren noch keine Rolle spielte, sich jetzt aber als verheerend erwies: Dem Fehlen von Parkplätzen. 1999, nach längerem Leerstand, nahm sich der Dossenheimer Unternehmer Ingo Tetzlaff des Gebäudes an, das er durch eine Wohnbebauung ersetzen wollte. Seine Pläne stießen wegen ihrer Wuchtigkeit bei der Gemeinde jedoch nicht auf Gegenliebe. Mehrere Eigentümerwechsel später ist das alte Haus mittlerweile dem Verfall preisgegeben.

Immer wieder brechen Obdachlose und Jugendliche hier ein, Letztere lieferten sich Farbbeutel-Schlachten, die erst das Eingreifen der Polizei beendete, andere warfen Möbel auf die Straße oder schlugen Fensterscheiben ein. Drinnen brechen die Decken ein, die Ratten gehen ein und aus. Karl-Heinz Menges, der hier seine Kindheit und Jugend verbrachte, wird traurig, wenn er sieht, was aus dem Lokal wurde. "Ich verbinde noch immer schöne Erinnerungen damit", sagt er. Und die Hoffnung, dass irgendwann jemand das alte Haus wieder aus dem Dornröschenschlaf holt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung