24.03.2012

"Es geht um die Erinnerung"

"Es geht um die Erinnerung"

Schriesheim. (sk) Sie erinnern ein wenig an zwei Mitglieder der "Comedian Harmonists", wie sie da stehen und in die Kamera gucken, der eine breit grinsend, der andere etwas verschreckt. Die Aufnahme ist ein Dreivierteljahrhundert alt, zeigt aber keine Gesangsstars, sondern zwei Schriesheimer Jungen, Hans und Erwin Maier, bei der Konfirmation des einen.

Das Bild ziert die Titelseite eines Flugblatts, das Erklärungen zur Verlegung von zwölf "Stolpersteinen" in Schriesheim gibt. Seit mehreren Jahren setzt sich eine Initiative dafür ein, dass auch in Schriesheim die kleinen, in den Gehweg eingelassenen Messingplättchen verlegt werden, die an frühere Bewohner erinnern: Menschen, die hier einmal lebten und ihr Zuhause während der Nazizeit verlassen mussten. Manche wurden deportiert, starben in Konzentrationslagern oder Gefängnissen, anderen gelang die Flucht. Knapp 50 Namen ermittelte die Initiative für Schriesheim. Im Dezember 2010 wurde im Gemeinderat die Verlegung der Steine beantragt und beschlossen. Dann wurde es still um die Aktion, bis der "Erfinder" der Stolpersteine, der Künstler Gunter Demnig, im letzten November im Rathaus einen Vortrag zum Thema hielt.

Am 11. April will er die ersten zwölf Steine verlegen. Geplant ist, dass dieser Aktion in den nächsten Jahren weitere folgen sollen. "Es geht um die Erinnerung, und es ist nicht die Absicht des Künstlers, eine Stadt auf einmal mit Stolpersteinen zu überziehen", sagt Bürgermeister Hansjörg Höfer, als das Flugblatt gestern im Rathaus vorgestellt wird. Die Steine, so erklärt das Stadtoberhaupt weiter, sollen zeigen, "dass es in Schriesheim jüdisches Leben gab". Es seien auch junge Menschen gewesen, die aus Schriesheim fliehen mussten, ergänzt Initiativen-Mitglied Professor Joachim Maier. Sechs dieser Zwölf, die als erste mit einem Stein geehrt werden sollen, seien zudem evangelisch getauft worden: "Deshalb haben wir uns für das Bild der Maier-Buben entschieden", bemerkt er.

Nicht immer, wenn sich Gunter Demnig für die Verlegung der kleinen Gedenktafeln entscheidet, wird das von den heutigen Bewohnern der Häuser gern gesehen. In Schriesheim sollen die Steine allerdings nur mit dem Einverständnis der Bewohner angebracht werden. Einige Anwohner erklärten sich sogar bereit, die 120 Euro, die die Verlegung eines Steins kostet, zu bezahlen. Sämtliche Verlegungen werden mit Spendengeldern bezahlt, und die "Stein-Paten" werden im Flugblatt in Klammern genannt. Manchmal sind es Anwohner oder Verwandte, manchmal haben sie nichts mit den so Geehrten zu tun. Eine Spenderin ist Bürgermeister-Gattin Birgit Ibach-Höfer, ein Stein wird von Ehrenbürger Peter Hartmann gestiftet. Monika Stärker-Weineck von der Initiative freut sich über die Spendenbereitschaft: "Wir mussten gar keine Werbung dafür machen, die Menschen haben sich einfach bei uns gemeldet."

Die Verlegung soll in feierlichem Rahmen erfolgen, mit einer Ansprache des Bürgermeisters, Musik von Schülern der Kurpfalz-Realschule und einer Psalmenlesung der beiden Pfarrer Suse Best und Ronny Baier. Auch Best bezieht sich dabei noch einmal auf die beiden Maiers, zwei getaufte Juden: "Gerade der Psalter verbindet Christentum und Judentum." Es gehe bei den Stolpersteinen nicht um Schuldzuweisung, "sondern um Klage und die Würdigung der Menschen."

Stolpersteine sollen für folgende Personen verlegt werden: In der Heidelberger Straße 5 für Babette, Dina, Ferdinand und Max Marx sowie für Frieda, Andreas, Hans und Erwin Maier, in der Heidelberger Straße 24 für Fanny Blumenfeld, in der Lutherischen Kirchgasse 8 für Walter Mohr, im Mainzer Land 5 für Karl-Heinz Klausmann sowie in der Talstraße 158 für Michael Freund. Die Verlegung am 11. April beginnt um 10 Uhr vor dem Haus Heidelberger Straße 5. Die Flugblätter sind im Bürgerbüro sowie bei der evangelischen und der katholischen Kirche erhältlich.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung