27.03.2012

Als hier noch Sepp Maier übernachtete

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Vor fünf Jahren interessierte sich erstmals ein Investor für den "Schwarzen Adler". Damals war Schriesheims Traditionsgasthaus an der B 3 noch bewirtschaftet. Die Bauvoranfrage des Investors, der an der Stelle Wohnungen und Praxen einrichten wollte, stieß im Ausschuss für Technik und Umwelt (ATU) auf wenig Gegenliebe.

Ende 2009 war für das Wirtsehepaar aus Altersgründen endgültig Schluss. Fünf Investoren wollten seither hier einsteigen. "Durch das Hin und Her sind sie reihenweise abgesprungen", bemerkt Matthias Grüber. Mal wurde zu hoch, mal zu niedrig geplant. Gestern beschäftigte nun eine erneute Bauvoranfrage den Ausschuss für Technik und Umwelt: Nach Umbau- und Erweiterungsarbeiten sollen hier Geschäfte und Wohnungen entstehen. Die alte Fassade des "Adler" soll dabei abgerissen und danach rekonstruiert werden.

Ob das Gebäude nun stehen bleibt oder abgerissen wird: Fest steht derzeit, dass mit dem Aus für die Bewirtschaftung als Restaurant auch eine über 300-jährige Geschichte endete.

Die Anfänge des "Schwarzen Adler" gehen zurück auf das Jahr 1684. Damals gehörte das Schildrecht noch zu einem Lokal, das zehn Jahre nach der verheerenden Brandstiftung durch die Truppen Marschall Turennes in der heutigen Leutershäuser Straße 2 entstand. 1874 wurde das Schild auf das Haus an der Landstraße übertragen, das es bis heute führt. Das heutige "Adler"-Grundstück war jahrelang unbebaut, da es jenseits der alten Stadtmauern lag. Erst mit dem Bau der "Chaussee", der heutigen B 3, wurden die dort angrenzenden Immobilien interessant. Zwischen 1818 und 1826 errichtete der Zimmermann Johann Georg Böckel hier ein Haus. Aus dieser Zeit stammen die beiden Gewölbekeller, die unter dem ältesten Teil des "Adler" liegen: Ein als Kühlhaus genutzter Keller mit Steinboden und, ein paar Stufen tiefer gelegen, ein Keller mit Lehmboden. Dort war es immer feucht, weil der Raum noch unter dem damaligen Niveau des Kanzelbachs lag. Trotzdem wurde der Raum als Räucherkammer genutzt.

Im Jahr 1890 wurde der ältere Gebäudeteil des Komplexes gebaut, dessen charakteristische Sandsteinumrahmungen an Fenstern und Türen auch den späteren Anbau prägen. Die Räume waren vier Meter hoch, im Erdgeschoss sogar 4,20 Meter, ideal für die Nutzung als Turnhalle. Die Turner der katholischen Kirche (DJK) trainierten hier: Die Geräte wurden an Seilwinden durch Löcher am Boden hochgezogen und am Ende der Turnstunde wieder heruntergelassen. An der südlichen Grenze befand sich hinter einem schmiedeeisernen Zaun ein Biergarten. 30 Jahre später, Eigentümer war jetzt Wilhelm Schuhmann, wurde das Gasthaus erweitert: Der größere der beiden Haus-Teile entstand. An der Straße kam noch eine Zapfsäule der Marke BV (Später Aral BV) hinzu: Ein Zugeständnis an die motorisierte Kundschaft.

Im ersten Stock wurde ein 300 Quadratmeter großer Tanzsaal eingerichtet, der bis in die 60er Jahre genutzt wurde. Die Kriegs- und Nachkriegszeit bescherte dem "Adler" zahlreiche Nutzungen, erst als Stützpunkt der Wehrmacht, später der US-Streitkräfte. Dann waren Flüchtlinge aus dem Osten einquartiert, später eine Krawattenfabrik.

Bis dahin hatte der "Adler" insgesamt 13 verschiedene Eigentümer. 1964 erwarb Wilhelm Grüber das Gebäude. "Eigentlich nur, um einen Platz für seinen Weinbrunnen zu haben", blickt sein Sohn Matthias heute zurück. Der "Weinbrunnen", ein riesiges Fass, an dessen Seiten sechs kleinere Fässer montiert waren, war beim Stadtjubiläum die Attraktion des Weinguts am Schlossberg. Das Riesenfass fand einen neuen Platz im ehemaligen Turnsaal, die Theke musste weichen.

Die Grübers richteten 34 Zimmer ein, in denen Stammgäste logierten wie die Handwerksgesellen "Freie Vogtländer Deutschland", aber auch prominente Gäste, in den Sechzigern etwa Katharina Valente und die Jakob-Sisters, später Schlagersängerin Ramona und Politiker wie Holger Börner, Gerhard Weiser oder Hans-Dietrich Genscher. Im Jahr 1979 wohnte hier die Handball-Nationalmannschaft, drei Jahre später der frühere Fußball-National-Torhüter Sepp Maier. Einer der letzten prominenten Gäste war ein gewisser Christian Wulff, damals noch Ministerpräsident von Niedersachsen. Nicht zuletzt war das Restaurant auch immer ein Teil des Orts und seines Vereinslebens: Bis zum Schluss war der "Adler" das Vereinslokal des MGV Lyra oder des Partnerschaftsvereins.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung