02.04.2012

Querdenken ausdrücklich erlaubt

von Alexander Albrecht

Schriesheim. Es ändert sich etwas in der baden-württembergischen Bildungspolitik - auch der Ton. "Ab sofort ist Querdenken ausdrücklich erlaubt", sagt Gabriele Warminski-Leitheußer am Donnerstag Abend in der Aula des Kurpfalz-Schulzentrums in Schriesheim. "Kein Lehrer wird einbestellt, wenn er anderer Meinung als die Kultusministerin ist."

Eine Spitze der SPD-Politikerin gegen ihren Vor-Vorgänger Helmut Rau. Der CDU-Mann hatte 2007 den oberschwäbischen Schulrektor Helmut Bosch in die Schulbehörde zitiert, weil er mit drei Mitstreitern einen offenen und kritischen Brief an seinen Vorgesetzten verfasste. Heute arbeitet "Schulrebell" Bosch in Warminskis Behörde. Und darf an Reformen feilen, die am Abend in Schriesheim lebhaft diskutiert worden sind: Gemeinschaftsschule, Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung oder die G9-Schulversuche.

Nach einem Einführungsreferat nimmt die Kultusministerin auf dem Podium des RNZ-Forums "Schule heute und morgen" Platz - und trifft auf Praktiker: drei Rektoren des Schulzentrums, die Gesamtelternbeiratsvorsitzende Petra Schorb, die Beratungslehrerin Gudrun Mehal und den Schülervertreter Julian Schwarze. Die genießen die von Warminski zu Beginn in Aussicht gestellten Freiheiten - und sind nicht mit allem einverstanden, was die oberste Schulchefin in Stuttgart plant.
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RNZ-Serie "Bildung"
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Warminskis Lieblingsthema ist die Gemeinschaftsschule. Verbunden mit dem Ziel, die Schüler individueller zu fördern. Ob dazu die klassischen Schularten nicht in der Lage sind, will der Moderator, RNZ-Schriesheim-Redakteur Carsten Blaue von Matthias Nortmeyer wissen. "Es ist beileibe nicht so, dass wir 45 Minuten lang Frontalunterricht machen", sagt der Rektor des Kurpfalz-Gymnasiums. Einerseits. Andererseits habe er mit Bedauern festgestellt, dass das grün-rote Kabinett den Klassenteiler nicht weiter senken will. In der Tat habe sich von diesen Plänen Abstand genommen, erklärt Warminski. Stattdessen will sie Brennpunktschulen in "problematischen Einzugsbereichen" besser fördern.

Nortmeyer sorgt sich auch wegen der Unterrichtsversorgung. Er berichtet von älteren Kollegen, "die einfach nicht mehr können", jüngeren Kollegen mit Kinderwunsch und Lehrern, die Zusatzarbeit übernehmen. Warminski verspricht Besserungen. Ein weiteres großes Thema ist die Länge der Gymnasialzeit. Schülervertreter Julian Schwarze betont zwar, das G8 sei machbar. Doch fehle die Zeit für Hobbys oder den Verein. Applaus brandet unter den 200 Besuchern auf.

Und nicht nur dafür erhält der Schüler Lob. So gut wie Gruppen- oder Stillarbeit sein mögen, wie sie an den Gemeinschaftsschulen umfangreich geplant sind: Es brauche nach wie vor einen fachkompetenten Lehrer, der das Basiswissen vermittelt.

Dann ist das Publikum dran und hat reichlich Rede- und Diskussionsbedarf. Da wird der Wunsch nach einer zusätzlichen elften Klasse an den Realschulen zur Vorbereitung auf das Gymnasium laut. Oder es kommt die Frage auf, wie die Lehrer im neuen Schulsystem ausgebildet werden sollen. Ob die Gemeinschaftsschule wirklich ein Fortschritt sei und ob das G8 eine Zukunft hat, sind weitere Themen, die dem Auditorium auf der Seele brennen. Warminski hat auf alle Fragen zumindest eine Antwort. Raum zum Querdenken bleibt trotzdem. Nach wie vor. Reichlich.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung