02.04.2012

Sina wollte immer zu den Pferden

Von Roland Kern

Schriesheim. Jetzt gibt es nur noch ein Problem mit Gott und der Welt. Mitte Mai, wenn sich die besten deutschen Nachwuchsreiter in der deutschen Reiterzentrale Warendorf beim "Preis der Besten" messen, und Sina Urban aus Schriesheim zum ersten Mal dabei sein kann, hat die Familie eigentlich etwas anderes geplant. Ausgerechnet an diesem Wochenende - und der "Preis der Besten" ist der Ritterschlag für jeden reitenden Jugendlichen - ist in Schriesheim Konfirmation. Und Sina Urban ist dabei. Eigentlich.

"Wir müssen uns jetzt etwas einfallen lassen", sagt Thomas Urban, der Papa des Reitertalents, und kratzt sich nachdenklich am Kinn. Bis jetzt hat er noch keine Idee, scheint auf eine Art Signal von oben zu warten. Denn Tatsache ist: Die Reiterfamilie Urban, das Nesthäkchen Sina, sie wollen auf einen Start in Warendorf nicht verzichten. Denn diesen hat sie sich verdient. Am letzten Wochenende wurde die 14-jährige Schriesheimerin beim Süddeutschen Ponychampionat in Walldorf auf ihrer Ponystute Viala (die RNZ hat berichtet) zweifache Championatssiegerin. Erst samstags mit der baden-württembergischen Mannschaft, dann sonntags nach einem wahren Herzschlagfinale in der Einzelwertung. So erfolgreich war in Baden-Württemberg schon lange kein Ponyreiter mehr.

Drei Tage später sitzt Sina Urban noch etwas verdattert auf der Terrasse des Häuschens neben der Reitanlage. Sie kann es noch gar nicht so richtig fassen. Sina ist ein eher zurückhaltendes Mädchen, eher leise und gewissenhaft.

Mit Pferden ist sie groß geworden. Um ihre Kindheit dürfte sie manches andere Mädel beneiden. Ihr Leben ist zwar kein Ponyhof, aber sie ist auf einem echten Pferdehof groß geworden. Die Reitanlage Urban liegt in den Feldern im Westen der Stadt. Opa "Schorsch" gehörte zu den Gründern des Schriesheimer Reit- und Fahrvereins, Thomas Urban baute in den 90er Jahren den elterlichen Bauernhof zum modernen Pferdebetrieb aus, einem der größten und erfolgreichsten der Region. Heute ist er der Chef, gemeinsam mit seiner Frau Susanne.

Sie ist die Tochter von Rita und Karl Haas, die in Schriesheim vielfach engagiert sind. Sinas Tante Heike war - wie es sich gehört - einmal Weinprinzessin. Und alle sind sie Reiter. "Sina war schon als kleines Mädchen von Pferden, aber auch von allen anderen Tieren begeistert", schmunzelt Mama Susanne heute. Bevor sie laufen konnte, saß sie im Arm ihres Vaters bereits auf dem Pferderücken. Ihr erster Turnierstart musste sogar mit einer kleinen Schummelei ermöglicht werden. Denn erst vierjährige Kinder dürfen an der Einstiegsklasse "Führzügel" teilnehmen, Sina war bei ihrem ersten Turnierstart aber erst drei - streng genommen. Ihr erstes Turnierpony, sein Name war Fury, war so mini, dass auf dem Weg nach Schriesheim in der Sattelkammer des Pferdetransporters verstaut wurde. Eigentlich wollte Sina, wie ihre Mutter Susi und ihre Tante Heike, erst Dressur reiten. Dann kam aber doch die Springreiterei des Papas heraus. Seit 2009 ist sie jetzt im Regional-Förderkader Nordbadens. Zuvor hatten die Urbans einen echten Coup gelandet. Jetzt muss man wissen: Laut deutschem Reglement hört die Ponyreiterei mit dem 16. Lebensjahr eines Jugendlichen auf. Da ist es Natur der Sache, dass die Reiter älter werden, während die Ponys noch einige Jahre weiter antreten können. Seinerzeit gab es an der Bergstraße eine führende Ponyreiterin aus Hemsbach: Krissy Navarro-Braun auf Viala. Als sie 17 Jahre alt wurde, hatte Thomas Urban das Paar schon längst ins Auge gefasst. Dann machte er ein moralisches Angebot: Seine Tochter Sina könne doch das Erfolgspony übernehmen, im Gegenzug bekomme Krissy auf dem Schriesheimer Reiterhof Großpferde zu reiten. So kam Viala unter Sinas Sattel.

Es gab auch Rückschläge. 2010 fiel Viala wegen einer Sehnenverletzung aus. Die Urbans - ganz Pferdeleute - gaben ihr genügend Zeit für eine Rekonvaleszenz. Kilometerweit ging Thomas Urban mit der kleinen Stute auf den Asphaltwegen zwischen den Schriesheimer Feldern spazieren. Das harte Geläuf trug zur Genesung bei.

Im Jahr 2011 prasselten dann die Erfolge wie ein Gewitterregen: Sina Urban und Viala wurden Dritte der baden-württembergischen Meisterschaften, wurden nominiert für die "Deutschen" und Nordbadische Meister. Und die Hoffnungen auf die Saison 2012 erfüllten sich jetzt in Walldorf. Schon hat sie den "Preis der Besten" und damit die deutsche Spitze im Blick. Wenn da nicht noch die Konfirmation wäre. Vielleicht hat ja der liebe Gott eine Lösung.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung