05.04.2012

"Etwas Unehrlicheres lange nicht gehört"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Aus dem Antrag der Grünen Liste wurde, wie gemeldet, nichts. Die Fraktion hatte in der Gemeinderatssitzung vergangene Woche die Stelle eines Schulsozialarbeiters ins Spiel gebracht - neben Joachim Lautenschläger, dem Jugendsozialarbeiter. Die Schülermitverantwortungen (SMV) der Schulen im Kurpfalz-Bildungszentrum waren dafür, alle Schulleiter auch, wie die Verwaltung in der Vorlage betonte. Nur eben die denkbar knappste Mehrheit des Gemeinderats nicht, bestehend aus FDP-Stadtrat Wolfgang Renkenberger, den Freien Wählern (FW) und der CDU mit Ausnahme von Karl Reidinger, der sich enthielt, weil das Land die Stelle nicht komplett finanziere.

Für die Grünen begründete Gisela Reinhard den Antrag und verwies auf gute Erfahrungen des Heidelberger Raphael-Gymnasiums. Mit Schulsozialarbeit sei hier die Zahl der Sitzenbleiber zurückgegangen, auch "Schwänz"-Zeiten der Schüler seien rückläufig. Die Schüler fühlten sich ernster genommen, Lehrer könnten sich auf ihren Job konzentrieren. In einer Schule, die immer mehr zum Lebensraum werde, sei ein Schulsozialarbeiter Anlaufpunkt, Unterstützer, Konfliktlöser oder -vermeider. Gerade Schriesheim als Schulstadt brauche diese Stelle in Vollzeit. Es gehe dabei auch um die Qualität des Schulzentrums.

Dem pflichtete Bürgermeister Hansjörg Höfer bei: "Wir sehen die Notwendigkeit an der Schule." Ein Schulsozialarbeiter sei "eine gute Ergänzung", würdigte Höfer zudem die finanzielle Beteiligung des Landes.

Anselm Löweneck (CDU) wurde danach grundsätzlich. Im Grunde sei ein "Sozialarbeiter" für die Jugend überhaupt nicht nötig, allenfalls wünschenswert und in keinem Falle eine zwingende Aufgabe der Stadt. Schon gar nicht, um Freizeitangebote für Jugendliche zu machen, die sie finanziert. Für einen weiteren Sozialarbeiter fehle zudem der Bedarf. Würde dieser entstehen, müsse man die Aufgaben des Jugendsozialarbeiters überdenken. Abgesehen davon sei für die Schulsozialarbeit das Land zuständig. Jugendförderung geschehe überdies in den Vereinen. Auf die Vereinsstruktur könne die Stadt stolz sein.

Matthias Meffert (FW) sagte, die Stelle eines Schulsozialarbeiters sei vielleicht sinnvoll, aber in der Finanzlage der Stadt nicht darstellbar. Überhaupt fehle es an einem Konzept für Schulsozialarbeit. Ferner: Kaum habe Lautenschläger angefangen, schon werde eine weitere Stelle beantragt.

Es sei eben eine Illusion zu glauben, dass es Brennpunkte nur in Großstädten gebe, hielt Marco Ginal (SPD) dagegen und nahm die Argumentation des Jugendgemeinderats auf. Dieser hatte in seiner Stellungnahme geschrieben, dass "unweigerlich" ein Brennpunkt entstehe, wo 1500 Schüler "verschiedener Altersstufen und Bildungsniveaus" zusammenkämen. Ein Schulsozialarbeiter, so Ginal, schaffe Freiräume für Lautenschläger, der die Diskussion im Ratssaal mitverfolgte. Die Lehrer, so Ginal weiter, wären froh, wenn sie einen Schulsozialarbeiter hätten. Die Stelle sei eine sinnvolle Investition in die Zukunft, würden Folgekosten für Jugendarbeitslosigkeit oder Jugendkriminalität dadurch doch gesenkt. Man könne ja mit einer halben Stelle anfangen und sehen, wie sich alles entwickelt, schlug Ginal vor.

"Wir brauchen keinen zweiten Jugendsozialarbeiter", blieb Renkenberger rigoros. Er beantragte, Lautenschlägers Posten einfach in eine Schulsozialarbeiterstelle umzuwandeln. Würde die Arbeit für den Jugendgemeinderat und das "Jugendzentrum" davon tangiert, dann sei das eben so.

Gegen dieses "freie Spiel der Kräfte" stellte sich Höfer. Außerdem stehe er zum Jugendhaus als Angebot für junge Leute, die es nutzen können ohne einem Verein anzugehören. Die Umwandlung der Stelle würde "mit einem Schlag alles kaputt- machen, was wir aufgebaut haben." Christian Wolf (Grüne) konterte auf Löweneck: Es gehe ja nicht um einen Eventmanager der Stadt. Der CDU-Stadtrat verkenne die Situation. Und "etwas Unehrlicheres" als Renkenbergers Antrag habe er lange nicht gehört.

Hauptamtsleiter Edwin Schmitt nahm sich Meffert vor. Konzeptlosigkeit sei ein "harter Vorwurf". Es gebe dieses Konzept. Zudem: Ohne eine Betreuung durch die Stadt gebe es keinen Jugendgemeinderat, kein Jugendkulturhaus und keine Ferienspiele. Und auch in den Schulen bräuchten Kooperationen, etwa mit Job Central oder den "Lernbegleitern", eine professionelle Begleitung.

"Konzeptlosigkeit" könne man vielleicht in den falschen Hals kriegen, so Dr. Wolfgang Metzger (FW). Der Direktor des privaten Heinrich-Sigmund-Gymnasiums sah das Problem der Schüler von heute in medialer Massenüberflutung, wachsender Ansprüche durch "G 8" und in Mobbing in der Freizeit, auf das man keine schulischen Einflussmöglichkeiten habe.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung