07.04.2012

Die Stille vor dem nächsten Knall

Die Stille vor dem nächsten Knall

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Auf der Baustelle des Branichtunnels tut sich nichts. Bagger und andere Baufahrzeuge stehen verschlossen auf dem Containerareal, in dessen Baracken die Mineure und Tunnelbauer wohnen. Auch sie sind nicht da während der Osterfeiertage. Sie sind daheim bei ihren Familien. Doch schon im Laufe des Ostermontags werden sie wiederkommen, damit die Arbeiten an der knapp 1800 Meter langen Röhre weitergehen können. Bis dahin herrscht noch die Stille vor dem nächsten Knall. Denn in dieser Woche haben die Sprengungen im Berg begonnen; nun geht es unaufhaltsam voran mit dem teuersten Projekt im Landesstraßenbau.

Es soll, wenn alles gut geht, ab Ende des Jahres 2015 die enge Schriesheimer Ortsdurchfahrt entlasten. Diese ist als Landstraße deklariert, hat aber so gar nichts davon, nicht mal Bürgersteige. Wenn sich hier zwei Lastwagen begegnen, dann gibt es Probleme. Für die Schriesheimer ist ihr Tunnel, die "L 536 neu", also jeden Cent wert. Bei rund 85 Millionen Euro liegt die Kalkulation, alleine 57 Millionen davon soll der Rohbau des Branichtunnels kosten. Solange er im Bau ist, heißt er "Birgit-Tunnel" - nach der Tunnelpatin Birgit Ibach-Höfer, der Schriesheimer Bürgermeister-Gattin. Ein weißes Schild mit dem Symbol der Bergleute weist über dem Tunnelmund mit seinem 90 Meter breiten Querschnitt auf die Namensgeberin hin. Hier geht es inzwischen etwa 80 Meter hinein in den Berg.

Durch die ersten 50 Meter buddelten sich die Tunnelbauer noch mit dem Bagger. Löß-Lehm stand an. Danach zeigte sich vor ihnen der Granit des Branich. Seitdem haben Geologen und Sprengmeister das Sagen. Jede einzelne Sprengung bereiten sie individuell vor. Keine Detonation ist wie die andere. Das Gestein wird genau geprüft, erst dann wird es perforiert und mit den Sprengladungen gefüllt, die von innen nach außen gezündet werden, damit das Gestein in sich zusammenfallen kann und der Druck nicht über den Querschnitt hinaus abgeleitet wird. Das Ganze hört sich an wie ein einziger Knall. Tatsächlich sind es viele Detonationen im Abstand von Zehntelsekundenbruchteilen.

Mit jeder Sprengung kommen die Mineure gut 1,50 Meter voran. Insgesamt haben sie in der Tunnelröhre und im Fluchtstollen daneben rund 170 000 Kubikmeter Gestein vor sich. Ein Jahr soll es dauern, bis der Durchbruch am Ostportal im Schriesheimer Tal geschafft ist. Bis dahin gibt es von montags bis freitags jeweils drei bis vier Sprengungen und unzählige LKW-Fahrten zum Abtransport des Granits über die Baustellenzufahrt außerhalb der Wohngebiete.

Die Arbeiten im Rettungsstollen wurden erst mal eingestellt, als es mit dem Haupttunnel losging. Der Fluchtweg im Berg ist zurzeit schon 138 Meter lang. Hier werden die Vortriebsarbeiten erst wieder aufgenommen, wenn der "Birgit-Tunnel" zum Rettungsstollen aufgeschlossen hat. Danach werden - nach heutigem Stand - beide Röhren parallel weitergebaut. Davon scheinen die Bewohner in ihren Häusern auf dem Branich nicht mehr viel zu hören. Als es losging mit dem Vortrieb im Fluchtstollen, hörten sie noch jeden Knall und hatten größte Befürchtungen, wie es weitergeht. Doch offenbar sind die Arbeiten schon weit genug im Berg angekommen, sodass kaum noch etwas von dem Donnern nach draußen dringt. Wie sich die Erschütterungen auswirken, zeichnen Messgeräte auf, die in einigen Häusern auf dem Berg installiert wurden. Wie immer geht es um die Einhaltung von Grenzwerten und um den Schutz der Immobilien.

Während sich die Branich-Bewohner um den Sprengvortrieb sorgen, haben die Planer ihre Gedanken auch am Ostportal, wo an einer provisorischen Umfahrung der Tunnelbaustelle gearbeitet wird - aber auch erst wieder am Dienstag nach den Osterfeiertagen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung