16.04.2012

"Ich rat′ dir eins: Nimm nie ein Messer mit"

Von Willi Berg

Schriesheim/Mannheim. Die Bluttat geschah am Rande des beliebten Schriesheimer Straßenfestes: Im vergangenen September wurde dort ein 22-Jähriger mit einem Messer schwer verletzt. Am Mittwoch sahen sich das Opfer und der mutmaßliche Täter vor dem Mannheimer Landgericht wieder. An den 19-jährigen Angeklagten gewandt, sagte das Opfer, das ein Hemd mit Totenköpfen trug: "Ich rat' dir eins: Nimm nie ein Messer mit. Steh deinen Mann." Wie es zu dem Verbrechen kam, soll nun die Jugendkammer in einem fünftägigen Prozess aufklären, bei dem 30 Zeugen geladen sind.

In der Nacht zum 4. September war es zu Schlägereien zwischen verfeindeten Gruppen aus Schriesheim und der Nachbargemeinde Heddesheim gekommen. Dabei soll der Angeklagte seinem Kontrahenten ein Taschenmesser in den Bauch gestochen und den am Boden liegenden getreten haben. Der 19-Jährige habe dessen Tod billigend in Kauf genommen, sagte Staatsanwalt Georg Dresel. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag und gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung. Notwehr liege nicht vor, sagte Dresel.

Die Klinge drang fünf Zentimeter tief ein und verletzte die Leber des jungen Mannes. Außerdem erlitt er Prellungen und Schürfwunden. Er wurde notoperiert und verbrachte einige Tage im Krankenhaus. "Seither habe ich Schlafstörungen und gehe fast gar nicht mehr weg", berichtete der heute 23-Jährige.

Auch er hatte mit Freunden das Straßenfest besucht. Dort erfuhr er, dass in der Altstadt die Heddesheimer "Stress machen" mit den Schriesheimern. "Ich wollte gucken, was los ist", berichtete er. Er habe dann beobachtet, wie mehrere Leute miteinander kämpften und sich als "Fisch" und "Hurensohn" beleidigten. Plötzlich hätten mehrere Personen auf ihn eingeschlagen und getreten. Dass er von einem Messer verletzt wurde, habe er erst später gemerkt. Dann sei er zusammengebrochen.

Bei der Polizei hatte der Angeklagte behauptet, das Opfer sei ihm "ins Messer gelaufen". Gestern schilderte der 19-Jährige jene Nacht so: Mit mehreren Freunden sei er draußen zusammengesessen und habe dabei mit seinem Messer an einem Holz geschnitzt. Plötzlich sei es zu einem Disput mit 15 Männern gekommen, die sie provoziert hätten. Einige hätten ihn verprügelt und ins Gesicht geschlagen. Ein Mann sei auf ihn gesprungen, "Ich war voll auf Adrenalin", berichtete er. Außerdem stand er wohl unter dem Einfluss von Drogen und reichlich Alkohol. Erst später habe er bemerkt, dass Blut an seinem Messer klebte. In der gleichen Nacht habe er dieses in den Heddesheimer Badesee geworfen.

Schon einmal hatte der 19-Jährige wegen einer Messerstecherei vor Gericht gestanden. Damals wurde das Verfahren eingestellt, da der Angeklagte in Notwehr gehandelt hatte. Seit seiner Verhaftung sitzt er in Untersuchungshaft. Davor war er arbeitslos, schlief bis mittags und lebte in den Tag hinein. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Bettina Krenz, wie er sich seine Zukunft vorstellt, sagte der Angeklagte: Er wolle einen Beruf erlernen und "normal eine Familie gründen." Das Urteil soll am 9. Mai verkündet werden.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung