16.04.2012

"Wir wollen das Gedenken wachhalten"

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. "Da drüben haben Juden gewohnt und da auch", erzählt Georg Döringer und deutet mit dem Finger auf ein paar Häuser in der Heidelberger Straße. Als Jugendlicher war er des Öfteren bei seinem Schulfreund Erwin Maier zu Besuch. "Die Frau Maier hat immer Matzen gemacht", erinnert er sich.

"Die Frau Maier" wurde 1900 geboren, hieß Frieda Maier geborene Marx und lebte im Haus Heidelberger Straße 5 zusammen mit ihrem Mann Andreas und den Söhnen Erwin und Hans, ersterer der Schulfreund von Georg Döringer. Mit im Haus wohnten Hans' und Erwins Tante Dina, ihr Cousin Max Marx sowie ihre Großeltern Babette und Ferdinand Marx. 1937 und 1938 flohen alle in die USA. Hans und Erwin wurden später Soldaten der US-Armee.

Während Hans 1945 an den Folgen einer Kriegsverletzung verstarb, kam Erwin im selben Jahr als junger Soldat zurück in seine Heimatstadt. "Er war Fußballfan und immer ein begeisterter Schriesheimer", sagt Bürgermeister Hansjörg Höfer, der Erwin Maier von dessen Besuchen in Schriesheim kennt.

An die acht Menschen, die bis 1938 in der Heidelberger Straße 5 zu Hause waren, erinnern jetzt acht "Stolpersteine", die gestern in einer offiziellen Feierstunde verlegt wurden. Höfer dankte der Stolperstein-Initiative, die sich für die Verlegung stark machte und den "Stein-Paten", die jeweils einen der 120 Euro teuren Steine bezahlten.

Die Steine, so Höfer weiter, sollten daran erinnern, dass die Menschen, deren Namen jetzt darauf stehen, Teil der deutschen Geschichte sind. Die Steine seien so Teil der Erinnerung direkt vor der Haustür und könnten nachfolgende Generationen mahnen. Zur Generation von Erwin Maiers Urenkeln gehören die 14 Realschüler, die vortragen, was sie über das Leben der Maiers herausgefunden haben. Den Anfang macht Eylem Kaya mit einem selbst verfassten Gedicht. Ihre Schulkameraden Felix und Frieder Schütze musizieren anschließend auf den Posaunen. Auch Kirchenälteste Franziska Mersi hat sich mit der Familie beschäftigt. Für ihre Gemeinde, die "Patin" eines der Steine ist, erklärt sie, dass das nicht nur der Fall sei, weil Hans und Erwin Maier in Schriesheim konfirmiert wurden: "Sondern wir wollen das Gedenken an Menschen wie sie wach halten."

Während Pfarrerin Suse Best und Pfarrer Ronny Baier abwechselnd Psalm 103 verlesen, zünden einige der Anwesenden Teelichter an und stellen sie neben die Stelle, an der "Stolperstein"-Erfinder Gunter Demnig gerade seine Arbeit beendet hat. Seine Anordnung der Steine folgt den Generationen: Oben stehen die Großeltern, danach kommt die Eltern und ganz unten die damalige Kindergeneration mit Erwin, Hans und Max.

"Der Hintergrund meines Projekts ist kein Grund zur Freude", sagt Demnig. Trotzdem freue er sich über die große Resonanz, die die Verlegung bei den Schriesheimern finde. Tatsächlich hat sich eine stattliche Menschenmenge eingefunden, die die gesamte Straßenbreite einnimmt. In weiser Voraussicht hat die Stadt für die Dauer der Feier die Heidelberger Straße gesperrt. Auch vor den Eingängen zweier Läden stehen Zuschauer, was bei mehreren Passanten für Ärger sorgt. "Geschäftsschädigung", zischt ein älterer Mann und rempelt beim Verlassen eines Ladens hart gegen eine der Anwesenden. "Frechheit", sekundiert seine Gattin, doch dann trollen sich beide.

Demnig geht indes auf die Stolperstein-Verlegung ein. Nie sei sie Routine, immer gehe es um ein anderes Schicksal. Heute freue er sich, damals mit dem Stolperstein-Projekt angefangen zu haben. Seit 1997 hat er in den verschiedensten Ländern bis jetzt etwa 34 000 Steine verlegt. Oft kommen Nachfahren oder Angehörige von Verfolgten aus der ganzen Welt zu den kleinen Feierstunden und lernen manchmal Familienmitglieder kennen, von denen sie bislang nichts wussten. Dass Passanten über die Steine gehen, sei beabsichtigt, weist Demnig auf die Parallelen zu alten Kirchen hin, in denen auch oft die Grabsteine Verstorbener liegen. Daneben erweist man den Menschen, derer gedacht wird, schon durch das Lesen der Inschriften eine Ehre: "Denn wer die Texte liest, muss zwangsläufig eine Verbeugung vor dem Opfer machen."

Vier weitere Steine werden an diesem Tag noch verlegt. Eine kleiner werdende Gruppe schließt sich an. Die Gespräche mit älteren Schriesheimern wie Döringer sind dabei so etwas wie das Salz in der Suppe, ihre Erinnerungen runden das Bild ab, das man sich von den Menschen macht, derer mit der Verlegung gedacht wird. Erwin Maier kam beispielsweise alle zwei Jahre nach Schriesheim auf Besuch. Heute lebt er in einem Altenheim in den Vereinigten Staaten.

Die Familie seines Schulfreundes hatte in der Nazizeit übrigens auch unter Anfeindungen zu leiden. Im Schaukasten, in dem das Parteiblatt "Der Stürmer" aushing, war eines Tages zu lesen: "Die Familie Jakob Döringer gibt sich mit Juden ab. Sie gehen bei ihnen ein und aus." Döringer weiß bis heute, wie sich das anfühlte: "Man steht am Pranger."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung