19.05.2012

Finnland ist nicht Baden-Württemberg

Finnland ist nicht Baden-Württemberg

Von Stefan Zeeh

Schriesheim. Gibt es ein gesamteuropäisches Verteidigungsbündnis? Wie sieht es mit Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union von Norwegen, der Schweiz und Island aus? Gibt es Pläne für einen europäischen Bundesstaat? Die Schüler der Kursstufe 1 des privaten Heinrich Sigmund Gymnasiums (HSG) hatten an diesem Morgen, der für eine Schulstunde anlässlich des bundesweiten "EU-Projekttages an Schulen" europäischen Themen gewidmet war, viele Fragen an den hiesigen CDU-Landtagsabgeordneten Georg Wacker.

Nach den eher allgemeinen Fragen kamen die Schüler, wie sollte es in einer Schule auch anders sein, auf die Bildungspolitik zu sprechen. "Warum versuchen wir uns dem skandinavischem Schulsystem anzupassen?", war eine der Fragen aus dem Schülerkreis. "In Europa gibt es zahlreiche Staaten mit einem differenzierten Bildungssystem wie bei uns. In den skandinavischen Ländern gibt es aber auch die Gemeinschaftsschule", erläuterte der Landtagsabgeordnete und ehemalige Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport die grundsätzlichen Unterschiede der Schulsysteme. Die Möglichkeit der absoluten Übertragbarkeit, etwa des finnischen Schulsystems auf deutsche Verhältnisse, sah Wacker aber nicht. Denn für eine gute Ausbildung der Schüler sei das Schulsystem nicht ausschlaggebend, viel mehr sei es die Qualität des Unterrichts, wie Experten festgestellt hätten.

So habe die finnische Gemeinschaftsschule durchaus gute Elemente, jedoch bei ganz anderen Voraussetzungen. "Die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund ist in Finnland viel geringer als beispielsweise in Baden-Württemberg", wusste Wacker. Deshalb sei das Bildungssystem in Deutschland, besonders in Baden-Württemberg, auch gefordert, sich um die schwächeren Schüler zu kümmern. Zudem hätte der Lehrerberuf in Finnland ein anderes gesellschaftliches Ansehen als in Deutschland: "In Finnland werden die Besten der Besten zu Lehrern ausgebildet", erklärte der Landtagsabgeordnete. Die Schüler des HSG haben inzwischen die Möglichkeit, das schwedische Schulsystem etwas näher kennenzulernen: "Seit 2010 haben wir einen Schüleraustausch mit unserer Partnerschule in Kungsbacka, südlich von Göteborg", hatten in einem persönlichen Gespräch zuvor Schulleiter Dr. Wolfgang Metzger und sein Sohn Daniel Metzger dem Landtagsabgeordneten berichtet. Daniel Metzger ist für die Koordination des Austauschs mit der Partnerschule zuständig. Dabei hatten die Lehrer auch Erfahrungen mit dem schwedischen System der Gemeinschaftsschule machen können.

"Das ist ganz anders", wusste Direktor Metzger. So entspräche der Abschluss an einer schwedischen Gemeinschaftsschule nach neun Schuljahren etwa unserem Realschulabschluss. Danach könnten die Schüler noch ein Gymnasium besuchen und nach drei Jahren ihr Abitur machen.

Im Gegensatz zu den in Baden-Württemberg geplanten Gemeinschafsschulen, in denen die Schüler nicht mehr sitzen bleiben und auch Noten nicht mehr vergeben werden sollen, ist das in den schwedischen Gemeinschaftsschulen durchaus der Fall. "Die Schüler sind hier einem Leistungsstress ausgesetzt", betonte Wolfgang Metzger. Georg Wacker waren die schwedischen Verhältnisse nicht unbekannt. "In Schweden gibt es sehr viele Schulabbrecher, die durch das dortige 'Volkshochschulsystem' aufgefangen werden", ergänzte er.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung