05.06.2012

Schwarzes Federkleid, perlweiße Augen

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Das Küken ist noch keine vier Tage alt. Wenn man die spärlichen gelben Flaumfedern streichelt, schließt es genüsslich die Augen und reckt den Kopf mit dem riesigen Schnabel mit unkoordinierten Bewegungen zum Finger hin. Das erstaunlich warme, weiche Tierchen füllt gerade mal eine Hand, auch wenn es seine Flügelstummel schon mal probeweise ausstreckt.

Ob es irgendwann zu einem Geier oder einem Pfau heranwächst, sieht man ihm noch nicht an. Tatsächlich wird aus dem Vögelchen später eine englische Brieftaube. Die beiden Tiere mit dem zungenbrecherischen Namen Genuine Homer sind die jüngsten in der Zucht von Robert Merkel. Der übrige Tauben-Nachwuchs gehört zur Rasse Kölner Tümmler und ist dem Nestlingsalter schon entwachsen.

30 Jungtiere von acht Elternpaaren waren es in diesem Jahr, die ersten schlüpften am Mathaisemarkt. Insgesamt besitzt Merkel 50 der prächtigen schwarzen Tauben, mit denen er seit Jahren hohe Auszeichnungen erzielt. "Sie müssen runde Köpfe haben, eine breite Brust und eine schöne Figur", zählt er einige Hauptmerkmale auf.

Im schwarzen Federkleid leuchten perlweiße Augen, und auch die erfüllen nur dann die Rassekriterien, wenn man in ihnen einen einzigen schwarzen Punkt sieht. Auffällig am Hals ist der "Federglanz", ein kurzes Gefieder, das grün-violett schimmert wie ein Ölfilm.

"Es ist keine übermäßig schwierige Rasse", bemerkt Merkel. Trotzdem verbringt er viel Zeit auf dem Gelände des Geflügelzuchtvereins. Morgens und abends sieht er nach dem Rechten, ganze Samstage verbringt er mit der Pflege der Volieren, Nester und nicht zuletzt der Vögel selbst. Wichtig für die Zucht sei die Auswahl der richtigen Paare, sagt Merkel. Wenn zwei Tiere besonders schöne Jungen haben, bringt er sie mehrmals zusammen. Die Schönsten der Schönen packen Merkel und seine Lebensgefährtin Anni Fontius ein und fahren mit ihnen zu Ausstellungen. 2009, 2010 und 2011 brachte das den Titel eines Badischen Meisters bei den Landesschauen in Freiburg und Mannheim ein, 2010 erhielt Merkel eine der höchsten Auszeichnungen, den Ehrenpreis des Landwirtschaftsministeriums Baden-Württemberg.

Merkel ist der einzige Taubenzüchter in der Geflügelzuchtanlage, doch auch seine Leidenschaft für das Federvieh begann vor fast 50 Jahren mit Hühnern. "Bunte Sussex" hieß die Rasse, die er damals züchtete, 1998 aus Krankheitsgründen aber aufgab. Der Schwager von Anni Fontius brachte ihn zur Taubenzucht. Merkel züchtete zunächst "Englische Kröpfe". Die Tiere mit den riesigen schwarzen Kröpfen sind allerdings heikel: Sie legen zwar Eier, brüten sie aber nicht aus. Ein Züchter braucht deshalb "Ammentauben", die sich auf die Eier setzen. Wenn die Ammen, deren Mutterinstinkte nicht allzu ausgeprägt sind, die Gelege zu oft verlassen, sterben die Küken. Vor vier Jahren wandte sich Merkel daher den Tümmlern zu, deren Zucht er mit drei Paaren begann. Die Tauben legen durchschnittlich vier Eier, aus denen nach 18 Tagen die spärlich befiederten Küken schlüpfen. Mit vier Tagen werden sie beringt, eine weitere Woche später ist von dem gelben Nestlingsflaum schon fast nichts mehr übrig.

Wichtig sei die richtige Ernährung, sagt der Züchter: Kraftfutter in den ersten Tagen, Wasser mit einem besonderen Zusatz ein Leben lang. Mit der Zeit entwickeln die Tiere das schöne Federkleid am Hals. Wenn im November die nächste Landesschau ansteht, sind es vielleicht schon ein paar seiner jüngsten Tauben, die Merkel dafür auswählt. Oder sie fahren im Dezember mit ihm nach Leipzig zur Europa-Schau.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung