08.09.2003

Ein Straßenfest im Wechselbad der Gefühle

Viele Besucher wurden klatschnass und feierten sich wieder trocken - Trotz eines verregneten Samstagabend war Schriesheims Altstadtparty ein Erfolg - Heute die T-Band-

Wer sich vor dem großen Regen am Samstagabend zum Rothaus-Stand verzogen hatte, blieb trocken und musste wenigstens keinen Durst leiden. Die Oberstadt-Suppenküche war wieder ein Anziehungspunkt für Feinschmecker (Mitte). Rechts: die Bigband "Strada Montana" feierte gestern Morgen im Weindorf einen glänzenden Einstand.

Von Roland Kern, Camilla John (Texte) und Bernhard Kreutzer (Fotos)

Es war eine Szene mit Symbolkraft. Karl-Heinz Schulz, Verkehrspräsident der Stadt, hielt sich am späten Samstagabend in der "Bodega" des Kulturkreises an einem großen Sonnenschirm fest, der zum Regenschirm umfunktioniert worden war. "Wir sind immer zufrieden", lachte er, während ihm ein Regentropfen in den Kragen sickerte. Der Organisationschef verlor die gute Laune nicht, als es am Samstag zu schütten begann wie aus Kübeln. Das Schriesheimer Straßenfest 2003, es war ein Wechselbad der Gefühle. Und das im wörtliche Sinne. Gegen halb acht hat irgendein Heini im Himmel die Dusche aufgedreht. Wer auch nur 20 Meter bis zum nächsten Unterschlupf zu laufen hatte, wurde pitschepatschenass. Da gab es nur eine Hilfe: in die nächste Straußwirtschaften wetzen, unterstellen, gut essen, trinken und in Lauerstellung abwarten, bis der Regen nachlässt. Gegen elf Uhr am späten Abend war es auch soweit. Es konnte weitergehen. Die Winzer und Straußwirte hatten zwar weniger zu rödeln als in den letzten Jahren, aber sie schlossen sich dem Motto ihres Präsidenten an: "Wir sind immer zufrieden." Am nächsten Tag, um die Mittagessenszeit, hatte die Sonne den Regen endgültig zum Teufel gejagt und die Wirte und Winzer wurden für ihre Geduld belohnt. Übrigens: wie über Nacht aus dem Pflasterboden gewachsen, standen sonntags große Marktschirme als Regenschutz. Nur geregnet hat es nicht mehr. Sicher ist sicher, und heute ist auch noch ein Straßenfest-Tag.

Die Bodega. Die spanische Bodega des Kulturkreises im wunderschönen Hof der Familie Fleck wurde auf Anhieb zur großen Attraktion - auch aber nicht nur wegen des Wetters. Das Konzept stimmte einfach. Südländische Musik, tolle Atmosphäre bei Kerzenlicht, leckere Tapas (von Hobbykoch Albert Kesseler), die passenden Weine. Ein Stück Urlaub in der Oberstadt. Romy Schilling, Eugen Fallmann und die ganzen Helfer wirbelten durch die Bude als wollten sie jeden einzelnen Gast persönlich bewirten. Ein Hort der Gastlichkeit, großes Kompliment! Kleine Anfängerfehlerchen seien verziehen, etwa dass es nicht "Cabernay Sauvignon" heißt. Der spanische Rotwein war dennoch schon um halb neun leer. Man hätte es wissen können, dass die Schriesheimer schlucken wie die Stiere. Mitten unter den Gästen, eine nette ältere Dame: Mrs. Scott, die amerikanische Mieterin des Fleck-Hauses. "Ich fühle mich wunderbar!", strahlte sie. Selbst die Hausherren selbst, die Familie Fleck, normalerweise in der Pfalz wohnhaft, nächtigte mal wieder in Schriesheim: In der Einliegerwohnung der Tochter.

Die Italo-Knöchel. Die Lyra bot in diesem Jahr im urigen Hof der Bäckerei Höfer einen besonderen kulinarischen Kick. Weil sich die Sänger seit einiger Zeit auf einem italienischen Tripp befinden, gab es Spagetti mit diversen Soßen. Aber dennoch verzichteten die Straußwirte nicht auf ihre alte Spezialität: deftige Knöchel. So gab es beides. Allerdings nicht auf einem Teller. Lyra-Chef Werner Held überwachte übrigens noch bis morgens um halb fünf das Treiben in der Bar. Am nächsten Morgen war er aber schon wieder auf den Beinen.

Das Schweinefleisch mit "Muh". Die nächste kulinarische Neuheit war die Thai-Bar auf dem Weg ins Weindorf. Die beiden in Schriesheim wohnenden Thailänderinnen Nit und Nik zauberten asiatische Gerichte wie "Gebratenes Schweinefleisch" (Muh Pat Prian Wan auf thailändisch). Wunderbar aromatisch, aber höllisch scharf. Ideal als Mahlzeit nach dem Regenguss. Denn die Gerichte heizten gewaltig von innen. Die Köchinnen werden demnächst übrigens einen Abend thailändischer Küche im "Kakadu" veranstalten. Und an einen Kochkurs bei der VHS ist auch schon gedacht.

Der müde Franzose. Bei bester Laune schob sich eine Gruppe von Franzosen aus Uzès am späten Samstagabend durch die Straußwirtschaften. Wen man vergeblich suchte, war Schriesheims Partnerschafts-Papst Horst Schütze, der frühzeitig schwächelte. "Il dorme", witzelten die Franzosen mit gespieltem Mitleid, "un vielle homme",, an alter Mann. Aber sie lachten dabei. Die Franzosen lieben ihren Schütze so wie er ist.

Die "Worschdsupp". Fest zum kulinarischen Angebot gehört mittlerweile die "Suppenküche" in der Oberstadt. Gestern gab es eine besonders deftige Spezialität: "Worschdsupp". Und Georg Brand, ein Hüter des Schriesheimer Dialektes, ergänzte worschd..., äh waschecht auf dem Plakat: "bis se all isch".

Der Straßenfest-Rhythmus. Schon beim am Samstagmorgen beim Flohmarkt gab's noch mehr zu sehen und zu hören als sonst. Zwischen Büchern, Klamotten und Geschirr ertönte afrikanischer Trommelwirbel. Ganz spontan hatte sich die Trommelschule "Tako" aus Schriesheim entschlossen, die Stimmung der Mittagsbummler anzuheben. Und es klappte. Rundherum um die zehn Trommler und ihren Lehrer wippten die Schriesheimer eifrig mit im Takt. Mit der bloßen Hand oder mit kleinen Holzschlägern entlockten die Musiker ihren sogenannten Djembeltrommeln afrikanische Rhythmen. Das Ganze auch noch barfuß, was diesem Flohmarkt zu einem wahren südlichen Flair verhalf.

Der falsche King. Ob es daran lag, dass die meisten lieber im Freien feiern wollten oder daran, dass der echte Elvis nicht mehr unter uns weilt, ist schwer zu sagen. Fest steht nur, dass "Elvis the Soul" die Kaffeehausbesucher nicht von ihren Hockern riss. Das Aussehen stimmte, denn es erschien ein imposanter Mann im Goldglitzerjacket und schwarzer Haartolle. Unverkennbar Elvis. Doch die rechte Stimmung wollte nicht aufkommen. Vielleicht auch deswegen, weil die Besucher nach all dem Regen die frische Luft genießen wollten, aber vielleicht auch deshalb, weil es es den King of Rock'n Roll nur einmal geben kann.

Der Jugendhof. Der Jugendgemeinderat hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den jüngeren Besuchern etwas zu bieten. Bei angesagtem Hip- Hop Beat wurde gesprayt. Legal, natürlich. Jeder, der eine Skizze abgegeben hatte, durfte loslegen. Kreativität war angesagt, und so konnten die Jugendlichen ihren Vorstellungen freien Lauf lassen. Der Andrang war enorm, aber nicht nur beim Grafitti-Sprühen. Davor gab's beim "Fun- Wettbewerb" Sackhüpfen, Eierlauf und die Reise nach Jerusalem, was bei den Kindern, als auch bei den Erwachsenen mit Begeisterung angenommen wurde. Doch der Jugendgemeinderat hatte noch mehr Ideen. Zum Beispiel auf der Karaoke-Bühne. Wer mutig war, wurde entsprechend belohnt, mit Gutscheinen vom Mediamarkt.

Der Schupfnudeltanz. Der Rothaus-Fanclub. Auch in einer Weinstadt zieht es manche Menschen eher zum Bier. Bei einigen jungen und trinkfesten Schriesheimern gehen die Ambitionen so weit, dass sie sogar einen Fanclub gegründet haben. "Die Fans hatten nämlich einen original "Rothaus"- Bierwagen von ihrer geliebten Brauerei bekommen. Obwohl der Wagen mit seinem Platz in der Mitte der Kirchstraße etwas außerhalb des Partyzentrums lag, war immer eine Menschentraube rundherum zu sehen. Vielleicht aber auch deshalb, weil die mitwirkenden Damen sich eine besondere Art der Verkaufsförderung ausgedacht hatten: den "Schupfnudeltanz". Der Kia-Konradi. Roland Konradi heißt der Sieger der KSV-Lotterie. Gestern Abend spielte Weinkönigin Christina Krämer die Glücksfee. Hauptpreis: ein schneidiger Kia aus dem Weinheimer Autohaus Rainer Doll. Der Wagen blieb in der Nachbarschaft der Bühne. Denn der neue Besitzer ist der Inhaber der Reinigung am Historischen Rathaus. Den "roten Roller" der gleichen Marke gewann SPD-Stadrat Hans-Jügen Krieger, den schwarzen Roller Ringer Frank Heinzelbecker.

Der Ersatzmann. Am Sonntagmorgen kurz nach dem Erwachen hatte Karl-Heinz Schulz eine Schrecksekunde. Die Band "No limit" eigentlich für das musikalische Sonntagsprogramm vorgesehen, sagte kurzfristig ab. Schulz wandte sich geistesgegenwärtig an den Mann, an den man sich in Schriesheim immer wendet, wenn es um Musik geht: an Wolfgang Amann. Der "Ober-Rocker" Schriesheims besorgte auf die Schnelle Alleinunterhalter Karl Hambrecht aus Bammental. Insgesamt war das Musikprogramm stimmig und facettenreich. Am meisten gelobt wurde übrigens eine Band außerhalb des offiziellen Bühnenprogramms: "SoulXperience" am Cafe Kakadu. Eine starke Premiere feierte auch die "Strada Montana Bigband" der Musikschule gestern Morgen. Das war ein starker Sound. Auch der Jazz war erstklassig, besonders schillernd Joe Schwarz gestern Nachmittag. Wie gut, dass Schriesheim Theo Stemmler und Eugen Fallmann hat! Und die "Local Heroes" vom Rock-Express gestern Abend rundeten das Programm mit einem Heimspiel ab. A propos: Auch heute zum Abschluss ist musikalisch ein Schriesheimer Tag: Rudi Kling spielt tagsüber und abends die "T-Band" mit Klaus Schenk als "special guest", das sollte man nicht versäumen!
(Hier ein kleine Anmerkung von schriese.de: Die Band "SoulXperience" mag zwar gelobt worden sein, aber dass sicher im Vorfeld, denn der Auftritt ist leider ins Wasser gefallen. Der Platzregen hat das Equipment leider so durchnässt, dass an Auftritt nicht mehr zu denken war. ---- Schade, denn die Band ist richtig gut!)



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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung