18.06.2012

Vom Wintergarten mit Baustellenblick

Die Anwohner sind genervt von der Baustelle an der östlichen Zufahrt des Branichtunnels. Die vom Regierungspräsidium versprochenen Lärmschutzfenster mit Dreifachverglasung lassen auf sich warten.

Schriesheim. (sk) "Die Betroffenen sehen es entspannt", war vor einigen Tagen die Überschrift eines RNZ-Artikels über die Bauarbeiten am östlichen Tunnelportal. Dass dies längst nicht alle so empfinden, stellte sich jetzt beim Gespräch mit weiteren Anliegern der Baustelle heraus.

"Über diese Formulierung habe ich mich aufgeregt. Als ob das, was hier passiert, alles nichts wäre", ist Anwohnerin Ruth Mayer empört. Rund ein Dutzend Betroffener hat sich im Haus von Gerlinde Koschorreck eingefunden. Alle, auch wenn sie über Lärm, Staub, Schmutz und Hupkonzerte an der Bedarfsampel klagen, sind sich einig, dass es sie und ihre Familie am schlimmsten erwischt hat.

Aus dem Fenster des Wintergartens und des Esszimmers hat man einen exklusiven Blick auf die Straße, die hier gebaut wird. Sie beschreibt einen Bogen und soll einmal von der Tunneleinfahrt Richtung Stadtkern abzweigen. Momentan wird etwa auf Höhe des Erdgeschosses gebaut, die Straße soll später aber, berichtet Jan Koschorreck, um drei Meter abgesenkt werden, damit der Anschluss an die tiefer liegende Tunnel-Einfahrt möglich ist.

Nur wenige Meter trennen die Bauarbeiter, die dem Erdreich mit schwerem Gerät zu Leibe rücken, von der Gruppe, die im Wintergarten um einen großen Tisch sitzt. Eine gemütliche Ecke, wäre da nicht der Rüttler, der zu dem Gespräch ein penetrantes Hintergrundgeräusch gibt. Wenn die Maschine ausgeschaltet ist, hat man ein leichtes Summen in den Ohren. "Das ist noch nichts", sagen Koschorrecks übereinstimmend: "Sie hätten mal die große Walze da vorn hören sollen." Momentan sei sie kaputt, fährt Jan Koschorreck fort, und das bedauert niemand. "Da hat der ganze Boden vibriert", sagt seine Schwester Simone.

Am schlimmsten sei der Lärm gewesen, als die Eisenpfosten eingesetzt wurden, bemerkt Doris Miech, die auf der anderen Seite der Baustelle wohnt. Die Pfosten, die zur Befestigung der Trasse dienen, wurden mit einem Gerät in den Boden gerammt, jeder Schlag dröhnte in den Ohren. "Das war schon der Hammer", versucht es Miech mit Galgenhumor. Etwas anderes bleibt den Anliegern nicht übrig: Die vom Regierungspräsidium versprochenen Lärmschutzfenster mit Dreifachverglasung lassen auf sich warten. Auf Lärmschutzwälle oder Gabionen hofft keiner.

Gerlinde Koschorreck ist froh, wenigstens den Sichtschutzzaun zu haben, der sie abschirmt. 150 Quadratmeter ihres Grundstücks fielen der Baumaßnahme zum Opfer, und jetzt ist sie froh, durch den Zaun wenigstens nicht "auf dem Präsentierteller" zu sitzen. Ihres Lärm- und Sichtschutzes beraubt ist Wiltrud Pöschko: "Neulich kam die Fichte vor dem Haus weg." Pöschko war als eine der ersten betroffen, als im Spätjahr die Bäume an der Böschung fielen. Warum das Ostportal ohne Lärmschutz auskommen muss, leuchtet Hannelore Reinhard nicht ein: "Am Westportal wurde doch auch erst ein Lärmschutz gebaut und dann die Straße", ärgert sie sich. Zudem, so Jan Koschorreck, wirke das Tal an dieser Stelle wie ein Trichter, der den Lärm noch verstärke.

Grundsätzlich befürworten alle den Tunnelbau, sehen seine Notwendigkeit ein und haben auch keine Probleme mit den Arbeitern auf der Baustelle. Nur, wenn es abends mal ganz spät werde, habe sie schon mal etwas gesagt, erklärt Ruth Mayer: "Da haben sie um sieben Uhr morgens angefangen und um acht Uhr abends immer noch gearbeitet, da hat mir schon der Kopf gedröhnt." Mit Bauleiter Ralph Eckerle stimmt offenbar die Chemie: Er habe stets ein offenes Ohr, bestätigen alle. Lob gibt es auch für Altbürgermeister und Ehrenbürger Peter Riehl, der sich für die Belange der Anwohner einsetzte und auch bei Ortsbegehungen anwesend war.

Nur einen hat Gerlinde Koschorreck bisher trotz mehrfacher Einladungen vermisst: Bürgermeister Hansjörg Höfer. Bis 2015 soll am Tunnel gebaut werden: genug Zeit also für einen Baustellen-Besuch.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung