16.07.2012

"Rock-Opa reist Rock-Uropas hinterher"

"Rock-Opa reist Rock-Uropas hinterher"

'Sammelt' Stones-Konzerte wie andere Briefmarken: Dieter Barth. Foto: Dorn
Von Dieter Barth

Schriesheim. "Eine Band ist dann eine richtige Band, wenn sie live spielt und gut ist". Dieser Spruch stammt nicht von mir, sondern von Keith Richards persönlich. Als ich im Jahr 1967 zum ersten Mal "Get off my Cloud" bei einem Freund hörte, fing ich mir diesen (Stones-)Virus ein. Er bleibt in Deinem Körper, solange Du atmest. Dann kam das Jahr 1968. Schriesheim war weit weit weg von den 68er-Turbulenzen. Aber dennoch - irgendwie hat man diese Vibrationen trotzdem gespürt.

Mittlerweile hatte ich mir alle älteren, bereits erhältlichen Stones-Alben besorgt. Was für eine grandiose Weiterbildung! Willie Dixon, Muddy Waters, Chuck Berry, Robert Johnson, Howling Wolf: Die Helden meiner Helden. American Blues und Rock. Alles genial nachgespielt. Wahnsinn! Am 10. September 1968 war "Beggars Banquet" in den Läden zu haben. Jeder Song ein Hammer! Die Revolution aus dem Plattenregal! Am 2. Dezember 1969 - ich war Buchdrucker im ersten Ausbildungsjahr, und Weihnachten stand vor der Tür. Das Weihnachtsgeld, ganze 20 Mark, wurde mir in einem Briefumschlag von meinem Chef in die Hand gedrückt. "Hier mein Junge. Für Dein Sparbuch". Nix da. In der Mittagspause bin ich in die Innenstadt gehechtet und habe "Let it Bleed" gekauft. 1970 erlebte ich dann mein erstes Stones-Konzert auf dem Killesberg in Stuttgart. Sensationell! So etwas hatte ich noch nie gesehen. Wenn ich damals gewusst hätte, wie viele Konzerte noch folgen sollten! Es gibt so viele Erinnerungen. Das passt hier alles gar nicht hin. 1973 spielten die Stones auch im Mannheimer Eisstadion. Mein alter Kumpel Hans Frauenschuh, selber Musiker, hat die Band damals vom Hotel in seinem Bandbus "Nine Days Wonder" in den Friedrichspark gefahren. Bei der 76er-Tour war ich viermal dabei, 1982 ließ ich es richtig krachen: München, zweimal Köln, dann Hannover, Basel, und drei Abende in Folge Frankfurt. Bei der "Urban Jungle"- Tour 1990 ließ ich mir nichts entgehen: Zwölf Konzerte! Neu für mich war Prag kurz nach der Wende. Die russischen Panzer rollen raus, die Stones rollen rein. Bei der "Bridges to Babylon"-Tour 1999 waren die beiden Konzerte im Londoner Wembleystadion bemerkenswert - Jagger singt "Honky Tonk Woman" mit Sheryl Crow im Duett. Cool!

Bei der "40 Licks"-Tour 2003 war alles größer und bombastischer. Highlight für mich war Prag - mit einer Rede von Vaclav Havel. Ich habe null verstanden, war aber dennoch beeindruckt. Danach Paris Bercy: Großartig! 2006 erlebte ich mein 50. Stones-Konzert, mein Jubiläum. Für das ZDF war das Grund genug, mich im "Heute Journal" vorzustellen, Thema: "Rock-Opa reist den Rock-Uropas hinterher". Und so lange die Stones weitertouren, reise ich mit.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung