16.07.2012

"Das ist kein Kindergeburtstag da drin"

"Das ist kein Kindergeburtstag da drin"

Ein Trupp der Feuerwehr dringt über den Fluchtstollen zur Einsatzstelle vor. Foto: Peter Dorn

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Also doch: Die Schriesheimer Feuerwehr ist zuständig für den Brandschutz auf der Baustelle des Branichtunnels. So stand es zwar schon im Planfeststellungsbeschluss zum teuersten Projekt im Landesstraßenbau (kalkulierte 85 Millionen Euro). Im Februar 2011, so erinnert sich Schriesheims Kommandant Oliver Scherer, hieß es aber, Ehrenamtliche könnten das nicht. Eine Grubenwehr, die die ausführende Baufirma Züblin stellen müsse, sei ab 200 Metern im Berg verantwortlich. Genau ein Jahr danach, im vergangenen Februar, dann die endgültige Wende: Innenministerium, Bergamt und Regierungspräsidium entschieden, dass die Baustelle nicht unter das Bergrecht, sondern unter das Feuerwehrgesetz fällt: "Also sind wir's doch", sagt Scherer. Ein Jahr Vorbereitung habe man durch das Hin und Her verloren. Doch die Einsatzplanung und -taktik steht jetzt. Und sie hat sich am Mittwochabend laut Scherer bewährt, als Schriesheims Gesamtwehr im Tunnel den Ernstfall probte. Unterstützt wurde sie von Kameraden aus Ladenburg und Dossenheim, die auch im Einsatzfall Zubringerfunktion haben würden. Insgesamt waren 87 Feuerwehrleute mit ihren Fahrzeugen dabei.

Sie nahmen einen Brand an der Ortsbrust des Tunnels an, also an der Stelle, wo die Sprengungen gerade angekommen sind - am Mittwoch war das 370 Meter tief im Branich. Der Fluchtstollen hat zurzeit eine Länge von 260 Metern. Die Kameraden waren nicht unvorbereitet. Züblin hatte die Atemschutzgeräteträger in drei Lehrgängen in der kürzlich stillgelegten Steinkohlegrube Ensdorf/Saar ausbilden lassen. Vertreter der dortigen Grubenwehr verfolgten jetzt die Übung im Tunnel und waren voll des Lobes für die Feuerwehrleute. Züblin hatte Schriesheims Wehr im Vorfeld schon mit nötigem Material versorgt: unter anderem 20 Langzeitatemschutzgeräte, zwei Wärmebildkameras, sechs Funkgeräte, akkubetriebenes hydraulisches Rettungsgerät und zwei Fahrzeuge für den Materialtransport, einen Pick-Up und ein Quad mit Anhänger, mit dem man auch in den engen Rettungsstollen fahren kann. Das Quad fiel während der Übung defekt aus, und auch der Funk machte Probleme. Das war's aber schon mit den Widrigkeiten der Übung.

Die Enge, die Dunkelheit und vor allem der lange, beschwerliche Weg zur Einsatzstelle durch erdigen Untergrund waren Herausforderungen für die Kameraden, zu deren Szenario auch vier Verletzte gehörten, gespielt von Rotkreuzlern: "Das ist kein Kindergeburtstag da drin", sagt Scherer. So ein Tunnel sei eine ganz andere Dimension - auch in Bezug auf die Feuerwehrarbeit.

So besteht ein Trupp hier nicht nur aus zwei, sondern fünf Atemschutzgeräteträgern, die sich der Einsatzstelle über den Fluchtstollen näherten. Hätte es hier drin gebrannt, wären die Kameraden über die Hauptröhre des Tunnels vorgedrungen. Weicht ein Trupp vom Einsatzort zurück, rückt der nächste Trupp gleich nach. Auch das würde geübt.

Mit dem Baufortschritt wandern im Berg sowohl Brandmelder, als auch ein Schutzcontainer mit, in dem bis zu 15 Mineure im Ernstfall Zuflucht finden. Acht Stunden sind sie hier sicher. Das ist nur ein Detail des komplexen Sicherheitskonzepts, das den Tunnelbau begleitet und zu dem etwa auch ein Sanitätscontainer und ein Hubschrauberlandeplatz gehört. Ebenso komplex ist die Einsatztaktik der Schriesheimer Kameraden. Gestern, am Tag nach der Übung, ist Scherers Erkenntnis: "Vielleicht müssen wir noch Details an der Fahrzeugaufstellung ändern. Aber grundsätzlich sind wir auf dem richtigen Weg." Dann muss er sofort los. Aus dem Schlittweg wird die Feuerwehr zu einer Türöffnung angefordert. Es gibt eben nicht nur den Branichtunnel für die Kameraden.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung