16.08.2012

Die längste Pfeife misst 2,40 Meter

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. Etwas mau fiel die Reaktion auf die Orgelführung aus, die die Evangelische Kirchengemeinde gestern wie jedes Jahr im Rahmen der Sommer-Ferienspiele veranstaltete. Organist Dr. Martin Fitzer sprach vor gerade mal fünf Kindern. Dafür gesellten sich im Laufe seines Vortrags zahlreiche Erwachsene hinzu, die wie die Kinder gebannt lauschten.

Die ersten Orgeln, so erfuhren die Zuhörer, waren nichts für Feinmotoriker: Sie wurden mit riesigen Hebeln geschlagen, was die Muskelkraft mehrerer starker Männer erforderte. Eine der ältesten Orgeln steht in Halberstadt, wo auch das längste Werk für das Instrument aufgeführt wird. John Cages "As slow as possible, too", ist wie der Name sagt, so langsam wie möglich. Manche Töne werden über mehrere Tage in den verschiedensten Kirchen der Stadt angeschlagen. Am Schluss soll das Werk eine Gesamt-Spieldauer von sage und schreibe 638 Jahren haben.

Deutlich schneller kam dagegen Fitzer mit seinem Rundgang um das Instrument in der Schriesheimer Kirche voran: In einer guten halben Stunde hatte man einen umfassenden Gesamteindruck von der Orgel und ihren Pfeifen. Insgesamt 1900 Stück gibt es im Instrument, die längste wurde wegen ihrer gewaltigen Höhe von 2,40 Metern liegend eingebaut.

Eine Pfeife, so erklärte Fitzer weiter, besteht aus Fuß, Körper und "Labium", den Lippen. Der Luftstrom wird durch Erzeugung von Unter- und Überdruck gelenkt, die Tonhöhe wird durch einen Ausschnitt an der Pfeifenrückseite reguliert. Weil dieser Ausschnitt aufgerollt wird wie der Deckel einer Sardinendose, heißt er "Stimmrolle".

In früheren Jahrhunderten gab es in den Kirchen ein wichtiges Amt: das des "Balgtreters". Das war nicht etwa jemand, der Kinder misshandelte, sondern ein hart arbeitender Mensch, der Luft in die Orgelpfeifen pumpte.

Heute, so erklärte Fitzer weiter, geschieht das elektrisch. Der "Wind", wie die einströmende Luft heißt, wird durch Ventile reguliert. Auf den schlechten baulichen Zustand der Orgel musste Fitzer an diesem Morgen gar nicht erst hinweisen, waren doch die Neonröhren, die normalerweise das Innere der Orgel ausleuchten, fast alle ausgefallen.

Ansonsten müssen bei der Überholung des Instruments, für die der Orgelförderverein Geld sammelt, sämtliche Teile gereinigt und ausgebaut werden, Verschleißteile ersetzt und repariert und bauliche Verbesserungen vorgenommen werden.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung