20.08.2012

"Sind wir im Dossenheimer Weg weniger wert?"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Lissy Breitenreicher sitzt gestern im gemütlichen Erker ihres Hauses im Dossenheimer Weg. Vor sich hat sie ein Blatt Papier. Sie führt eine Strichliste über die Fahrzeuge, die vor ihrer Tür langfahren: "Schon wieder einer". Ein weiterer Strich kommt dazu. Am Ende werden es 25 sein in den 20 Minuten zwischen 13.54 und 14.14 Uhr: "Das kann man hochrechnen. Und es sind Ferien. Die Leute sind im Schwimmbad." Am Donnerstag hat sie zwischen 14.20 und 15 Uhr genau 56 Fahrzeuge registriert, darunter Lastwagen und Bautransporter. Schon am Montag saß sie hier zwischen 9.20 und 10.40 Uhr. Ihr Ergebnis: 137 Autos, sechs Lkw und drei Traktoren: "Alle Probleme, die die St.-Wolfgang-Straße nicht will, haben wir jetzt." Breitenreicher hat sich aufgeregt über die jüngsten Berichte in der RNZ zum Thema Verkehr rund ums Gewerbegebiet. Die will sie so nicht stehen lassen.

Vor allem die Argumente der Anwohner in der Parallelstraße haben sie erzürnt. Deutlich haben sich die Bürger der St.-Wolfgang-Straße dafür ausgesprochen, die Pfosten zur Carl-Benz-Straße stehen zu lassen (RNZ vom 11. August). Diese sperren die Durchfahrt ins Gewerbegebiet. Kämen die Poller weg, schrieben Friedrich Ewald, Klaus Grüber und weitere Unterzeichner, würden sie durch hohes Verkehrsaufkommen von früh bis spätabends "zusätzlichen und unerträglichen Belastungen" ausgesetzt. Zumal der innerörtliche Verkehr und der aus dem Vorderen Odenwald dann über die St.-Wolfgang-Straße ins Gewerbegebiet fahren würde - Gefahren für Ältere, Kinder, Fußgänger und Radfahrer inklusive.

Breitenreicher lächelt, wenn sie das alles noch einmal liest: "Na, Hauptsache, die St.-Wolfgang-Straße hat ihre Ruhe. Und dass Rainer Dellbrügge die Pfosten behalten will, ist auch klar. Er ist in der Alfred-Herbst-Straße ja nicht vom Verkehr betroffen. Aber wohnen bei uns keine Senioren oder Familien mit Kindern? Oder sind wir Anwohner im Dossenheimer Weg weniger wert?". Und dass der Verkehr nun auf "mehrere Schultern" verteilt sein soll, lässt sie nur den Kopf schütteln: "Die Schulter sind wir." Breitenreicher graut es schon vor der Weinlese: "Dann fahren hier alle Schlepper und Traktoren durch." Abgefahrene Außenspiegel an geparkten Autos seien im Herbst Standard, sagt sie. "Und wenn es bei Aldi und Lidl Sonderangebote wie Kinderkleidung gibt, dann wird es bei uns hier richtig spannend."

Eine Unterführung an der B 3 zum Gewerbegebiet hält sie für keine Lösung - zumal deren Verwirklichung in den Sternen stünde. "Warum suchen wir keine Einbahnstraßenlösung", fragt sie sich.

Breitenreicher schlägt vor, die Poller zu entfernen, den Verkehr ins Gewerbegebiet über die St.-Wolfgang-Straße zu leiten und aus dem Gewerbegebiet heraus über den Dossenheimer Weg: "Umgekehrt ginge es auch, aber so herum würde die Rennstrecke Heidelberger Straße/Dossenheimer Weg entschärft. Sogar eine verkürzte Einbahnregelung bis zur Edelsteinstraße könnte man machen." Das Ordnungsamt habe Bedenken geäußert, sagt Breitenreicher. Das beeindruckt sie nicht: "Wo ein Wille ist, da ist ein Weg." Zumal man den Gewerbetreibenden eine Zufahrt über die Wohnstraßen nicht verwehren dürfe: "Sie sind es, die die drei Millionen Euro Gewerbesteuer zahlen", so Breitenreicher.

Wie sie denken offenbar nicht wenige im Dossenheimer Weg. Breitenreicher hat Unterschriften gesammelt. 26 Bürger aus ihrer Nachbarschaft haben sich ihrem Einbahnstraßen-Vorschlag angeschlossen: "Vor der Edelsteinstraße habe ich mit dem Sammeln aufgehört, mir war zu warm. Unterschrieben hätten auch dahinter noch alle", ist sie überzeugt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung