15.09.2012

Am Dienstag geht es mit der Lese los

Von Stephanie Kuntermann
Schriesheim. Ein langer Winter, in dessen Folge die ersten Blüten abstarben, ein trockenes Frühjahr und ein durchwachsener Sommer sorgen in diesem Jahr für einen komplizierten Herbst. Jedenfalls, soweit es die Winzer betrifft.
In ihrer Herbstversammlung berichteten die Weinbauern von vollreifen Beeren in den Südhängen und unreifen Trauben in den der Sonne abgewandten Lagen. "Schon fast eine Trockenbeerenauslese" hat etwa Peter Haas auf der Südseite in seinem Weinberg, während die Mostgewichte in anderen Lagen bislang etwa den Werten des vorvergangenen Jahres entsprechen.
Mit einer "gestaffelten Lese" will die Winzergenossenschaft (WG) an das Problem herangehen. "Das reifste Lesegut sollte als erstes geerntet werden", gab WG-Geschäftsführer Harald Weiss bei der Herbstversammlung die Marschrichtung an. In einem zweiten Durchgang sollen die Winzer dann die jetzt noch unreifen Trauben lesen.
Komplizierter Herbst
"Wir hatten dieses Jahr zwei Blühtermine", erklärte Weiss den Grund. Schuld daran waren die späten Frostnächte, die Reifung wurde durch geringe Niederschläge verzögert.
Die Folge sind unterschiedlich reife Trauben derselben Sorte, im selben Weinberg, mitunter sogar am selben Stock. Die Schriesheimer Winzer kamen damit noch glimpflich davon, anderswo gingen durch den Frost ganze Ernten verloren. In den Lagen zwischen Dossenheim und Hohensachsen seien die Weinberge aber durchweg in gutem Zustand, berichtete Weiss von einer Begehung mit dem Badischen Winzerkeller Breisach. Die Proben zeigten, dass die Winzer gute Arbeit geleistet hätten, so Weiss: "Wir sind nach einem schwierigen Jahr auf der Zielgeraden und dürfen jetzt nur keine Fehler machen."
Was jetzt in den Weinbergen hängt, hat Weiss zufolge noch alle Voraussetzungen, einmal ein "hochwertiger Jahrgang" zu werden. Der Müller-Thurgau, mit dem am Dienstag die Lese begonnen wird, hat derzeit ein durchschnittliches Mostgewicht von 76 Grad Oechsle, in einem Weinberg wurden Werte knapp unter 90 gemessen: "Damit werden wir dann anfangen", so Weiss.
Er warnte davor, die Werte mit denen des Vorjahres zu vergleichen, da damals der Herbst früh angesetzt war. "Wir haben Müller-Thurgau einmal auch erst am 7. Oktober gelesen", gab Weiss zu bedenken und zog einen Vergleich mit den Werten von 2010 vor. Weißburgunder mit 76 Grad Oechsle, Sauvignon Blanc mit 83 und Spätburgunder mit einer "Riesenbandbreite" zwischen 74 und 85 Oechsle passe in den komplizierten Herbst. "Der Silvaner ist mit 66 Oechsle weit abgeschlagen, dem müssen wir noch Zeit geben", betonte Weiss.
Für die Lese hofft er auf gutes, nicht zu heißes Wetter und forderte die Winzer auf, bei Sonnenschein ihre Bottiche in den Schatten zu stellen. Ganz unwichtig ist der Sonnenschein kurz vor Lesebeginn aber auch nicht: "Jeden Tag sieben bis acht Stunden Sonne, das bringt jeden Tag noch ein zusätzliches Grad", bemerkte WG-Aufsichtsratschef Winfried Krämer. Weiss plädierte außerdem für "supersauberes Lesegut": mit dem Esca-Pilz befallene Stöcke müssten markiert und nach der Lese ausgegraben und verbrannt werden, Esca-Lesegut dürfe nicht in die Zuber kommen. Auf den Boden komme auch schlechtes Lesegut bei der "Negativ-Lese", also dem Durchgang durch den Weinberg, bevor der Vollernter die Lese automatisch übernimmt. "Wenn wir sortiertes Lesegut abgeben, gibt es Zuschläge", warb Weiss für eine sorgfältige Prüfung der Trauben.
Was die Erntemenge anging, war Weiss zuversichtlich: "Wenn alles gut geht, können wir mit einem Gesamtertrag von etwa 1,4 Millionen Kilo rechnen." Weshalb die Winzer schon mal mit Weinkönigin Melanie auf einen erfolgreichen Herbst 2012 anstießen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung