20.09.2012

"Wir müssen unsere Chancen nutzen"

Von Carsten Blaue

Schriesheim. "Am ersten Tag ist immer noch alles klar", sagte Karlheinz Spieß lächelnd. Der Vorstandsvize der Winzergenossenschaf (WG) war der zweite Winzer, der gestern Vormittag zum Auftakt der Weinlese der Genossen seinen Müller-Thurgau am Kelterhaus ablieferte. Nur Thomas Rell war schneller, der die erste Ernte seines Zwillingsbruders Tobias brachte - aus dem Großsachsener "Sandrocken". Im Schnitt 83 Grad Öchsle hatten seine 655 Kilo. Menge und Mostgewicht stimmten also. Überhaupt war's ein guter Start in den Herbst. Nur rund 20 Winzer brachten Trauben. Eigentlich eilt's ja auch nicht.

Spieß war mit durchschnittlich 140 Kilogramm pro Ar und 82 Grad Öchsle ebenfalls zufrieden: "Genau wie im Vorjahr. Ich lass' die Trauben ja gerne so lange hängen wie möglich. Aber dieses Mal nicht." Wegen den Wildschweinen, die alles fressen, was süß und fruchtig ist. Ansonsten stand Spieß entspannt in der Sonne: "Wir müssen nicht rennen."

Nicht so wie im Vorjahr, als die Winzer mit Fäulnis zu kämpfen und Mengenverluste zu beklagen hatten. Dieses Jahr ist vieles anders, Trauben wie gemalt hängen an den Stöcken: "Alles sieht viel besser aus, das ist wunderbares Lesegut", schwärmte WG-Geschäftsführer Harald Weiss beim Blick in den Bottich. "Wir gehen die erste Woche ruhig an." Auch die Winzer wissen, dass sie Zeit haben. Auch weil die äußeren Bedingungen in den nächsten Tagen gut sein sollen - sieht man mal vom Regen gestern Abend ab. Ein Problem sind höchstens die unterschiedlichen Reifegrade, manchmal an ein und demselben Stock. Also sagte Weiss: "Wir müssen unsere Chancen nutzen, und dabei vertrauen wir auf unsere Winzer. Sie müssen wieder eine Menge Eigenverantwortung zeigen, so oft wie möglich durch die Anlagen gehen und entscheiden, was reif genug ist, was hängen bleiben kann oder was heruntergeschnitten werden muss." Man müsse immer den gesunden Mittelweg finden zwischen Mostgewicht und Menge, nickte auch Spieß. So gibt es zum Beispiel bereits Grauburgunder, der im Refraktometer mit 94 Grad Öchsle gemessen wurde. An anderer Stelle braucht er noch Zeit.

Inzwischen waren am Vormittag auch Peter Grübers Bottiche von der Krananlage ins Kelterhaus gehoben worden. Auf seinem Beleg standen beim Mostgewicht 88 und 84 Grad Öchsle. Der Zettel sah dieses Jahr etwas anders aus als in den Vorjahren. Schon daran sah man, dass sich an der Traubenannahme technisch etwas getan hat. Die EDV hat Einzug gehalten. Seit zwei Jahren wird die Erfassung an der Annahme der roten Sorten schon am Computer abgewickelt, nun also auch die der weißen. Nach der letzten Lieferung eines jeden Lesetages werden die kompletten Daten an den Badischen Winzerkeller in Breisach übermittelt. Alle Stammdaten jedes Genossenschaftswinzers sind im System hinterlegt. Das Programm mit Namen "Helge" würde sogar erkennen, wenn einem Winzer eine Rebsorte zugeordnet würde, die dieser gar nicht hat. Hightech am Donnerstag auch in den Weinbergen selbst. Dann fährt der Vollernter durch zuvor eigens bestimmte und darauf vorbereitete Anlagen, um Müller-Thurgau effizient und trotzdem schonend einzufahren.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung