23.09.2012

Diese Vernunftehe währt seit 40 Jahren

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. "Der Zusammenschluss von Schriesheim und Altenbach ist mit einer Vernunftehe vergleichbar und hat mit einer Liebesheirat nur gemeinsam, dass die Eltern, die Landkreise, vorher nicht groß gefragt wurden und nur hinterher ihren Segen geben durften." Diese kritischen Worte zur Eingemeindung Altenbachs stammten vom damaligen Landrat Albert Neckenauer, nachdem die "Vernunftehe" mit einem Festakt besiegelt war. Seit mittlerweile 40 Jahren hält diese Ehe: Zwar noch kein "rundes" Jubiläum, aber immerhin Anlass für einen kleinen Empfang im Sängerheim des Altenbacher GV Liederkranzes am heutigen Freitag, um 18.30 Uhr. Im Rahmen der Veranstaltung wird der Verfasser der Ortschronik zum 600-jährigen Ortsjubiläum, Konstantin Groß, über 40 Jahre Eingemeindung referieren. Auf den Zusammenschluss selbst geht er in seinem Buch ebenfalls ein.

Wie das bei Vernunftehen der Fall ist, wurde sie geschlossen, um beiden Partnern Vorteile zu sichern und den einen oder anderen Nachteil abzuwenden. Hintergrund war die Verwaltungsreform, die ab dem Ende der sechziger Jahre als Damoklesschwert über den kleineren Gemeinden hing. Das "Gesetz zur Stärkung der Verwaltungskraft kleiner Gemeinden" vom März 1968 strebte Gemeindegrößen zwischen fünf- und achttausend Einwohnern, idealerweise von 10 000 Einwohnern an. Dazu sollten sich jeweils mehrere kleine Gemeinden zusammenschließen.

Für das 1650 Seelen zählende Altenbach gab es zwei Alternativen: einen Zusammenschluss mit Wilhelmsfeld und anderen Gemeinden zu einer Verbandsgemeinde "Steinach" oder die "Vernunftehe" mit Schriesheim. Damals 9158 Einwohner stark, drohte auch der Weinstadt die Eingemeindung entweder nach Weinheim oder Heidelberg. Auch eine Verbandsgemeinde mit Dossenheim, Großsachsen, Leutershausen und Lützelsachsen war im Gespräch.

Ein kleines Bonbon gab es in jedem Fall: Ein freiwilliger Zusammenschluss sollte mit finanziellen Zuschüssen versüßt werden. Im Regierungspräsidium Karlsruhe wurde die "Steinach"-Alternative bevorzugt, doch der Altenbacher Gemeinderat lehnte sie ab und nahm noch nicht einmal an Vorgesprächen teil. In Schriesheim wurde die Haltung der Altenbacher begrüßt, was Anfang 1971 bei einer gemeinsamen Gemeinderatssitzung im Hotel "Zur Pfalz" mit einem Grundsatzbeschluss zur Eingemeindung bekräftigt wurde. In den Grundzügen herrschte schnell Einigkeit, die Vertragsverhandlungen erforderten dennoch eine Menge Kompromissbereitschaft.

Da ging es zunächst um die Zukunft Peter Gutfleischs. Er war seit 1954 Bürgermeister in Altenbach und 1962 mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Bis 1974 hätte er sein Amt inne gehabt. Der Vorstoß, ihn zum besoldeten Ersten Beigeordneten zu machen, scheiterte am Widerstand der Schriesheimer. Er lehnte den Vorschlag ab, bis zum Ende seiner Amtszeit als Beamter beschäftigt zu werden, und das machte ihn zum Verlierer der Eingemeindung: Er verlor mit Wirkung vom 31. Dezember 1971 sein Amt und kehrte fortan der Politik den Rücken. In einer Feierstunde wurde er 1972 verabschiedet. Als Geschenk wurde ihm sinnigerweise das Bild des Malers Franz Piva mit dem Titel "Schriesheim bei Sonnenuntergang" überreicht.

Im Zuge des Eingemeindungsvertrags verloren auch fünf der bisher zehn Altenbacher Gemeinderäte ihr Amt. Ansonsten wären die Altenbacher gegenüber den 16 Schriesheimer Stadträten überrepräsentiert gewesen. Gewählt wird seither in Form der unechten Teilortswahl, bei der dem Ortsteil eine bestimmte Zahl Stadträte garantiert wird. Vollzogen wurde die Eingemeindung schließlich durch das Votum der Bürger: 1109 Altenbacher waren wahlberechtigt, etwas mehr als die Hälfte beteiligte sich. 432 Wähler, also 70,8 Prozent, stimmten am 12. September 1971 mit Ja, 28,3 Prozent (173 Wähler) waren gegen die Eingemeindung. Am 1. Januar 1972 trat der Eingemeindungsvertrag in Kraft. Seither Ortsteil, hatte Altenbach nunmehr auch einen Ortsvorsteher.

Dieses Amt bekleidete als erster Heinz Flohr, der zuvor Bürgermeister-Stellvertreter war. Auch er ging diese "Ehe" nicht gerade freudig ein, wie eine Äußerung aus dem Jahr 1971 zeigt: "Wenn wir auch nur die geringste Chance gesehen hätten (...), dann würden wir uns für kein Geld dieser Welt verkaufen." 1980 folgte Emil Jörder auf Flohr. Seit 1994 ist Alfred Burkhardt Ortsvorsteher. Schon 1973 war die erste Schriesheimer Bürgermeisterwahl, an der die Altenbacher teilnahmen. Über 60 Prozent der Wähler im Ort stimmten damals für Peter Riehl.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung