05.10.2012

"Wir sind alle Rebellen hier"

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. In den nördlichen Lagen von Schriesheims Weinbergen steigt Frühnebel auf. Der Boden im "Laubelt" ist vom Regen der vergangenen Nacht getränkt; frisch aufgebrochene Erde lässt Lore Bielig stutzen: "Die Wildschweine waren wieder da." Später ergänzt ihr Sohn Georg, dass die Borstenviecher in den Wingerten große Schäden anrichten; offenbar gibt es heuer etliche der Schwarzkittel. Nach einem guten Eichenjahr brachten die Bachen ihren Nachwuchs ohne große Verluste durch.

Er hat Glück gehabt. Müller-Thurgau und Weißburgunder, die an diesem Morgen vor zehn Tagen gelesen werden, hängen ohne Fraßspuren prall, reif und gesund an den Reben. Während die Mostgewichte der Trauben ein Knaller sind, bleibt die Menge eher unterdurchschnittlich. An einer Weinlese wollte die Schreiberin dieser Zeilen schon immer mal gerne teilnehmen; die mütterlicherseits vererbte Sammelleidenschaft für Beeren und Nüsse bricht sich immer mal wieder Bahn. Sogar grüne Nüsse durften es mal sein - der grüne Likör, der daraus entstand, schmeckte allerdings scheußlich.

Nicht so die süßen Trauben im Weinberg der Familie Bielig. 15 ehrenamtliche Helfer finden sich ein, nachdem mich Lore Bielig vom Friedhof aus mit nach oben genommen hat. Weit ist es ja nicht. "Ich bin gelaufen", erzählt Hans, der nur "Hans I." genannt wird. In Kürze wird er 80 Jahre jung und ist somit der Nestor der Truppe. Aber viel, viel schneller beim Schneiden als ich. "Sie gucken zu viel nach", meint er. Aha. Und ich dachte, ich sollte die "Essigbeerlein" auslesen, von denen Georg Bielig bei der kurzen praktischen Einführung sprach. Das sei schon richtig, aber das, was ich da in Händen halte, sei keine Essigbeere, sondern eine "verdorzelte". Und die könne mit in den Bottich.

Ansonsten arbeiten wir beide friedlich zusammen, jeder auf einer Seite der Rebzeile. Die derben Schuhe erweisen sich als gute Wahl, ebenfalls die Gartenschere und eine kleine Flasche Wasser, um später die klebrigen Hände zu säubern. "Fräulein, willsch ä bissel Wasser für die Händ'?", fragt zuvor fürsorglich Hans-Hermann Lay. Fräulein, das hat schon seit Ewigkeiten niemand mehr zu mir gesagt. Echte Gentlemen hier im Weinberg ...

Lay kommt morgens kurz vor neun Uhr mit seiner 25 Jahre alten "Huddel" den Berg hinaufgekrochen, das Kreuz gerade wie ein Besenstiel, die Augen konzentriert nach vorne gerichtet. Ein unterhaltsamer Begleiter, ebenso wie Peter Grüber. "Wir sind alle Rebellen hier", heißt es zwischendurch von ihrer Seite. Aha. Und warum? "Weil, mer sind freischaffende Künstler."

Am besten sei es, so erklären sie, von oben nach unten und somit bergabwärts zu lesen. Die vollen Bottiche werden zügig abgeholt, ihr Inhalt auf den großen Anhänger verladen. Einmal in der Woche laufe er zur Reifemessung der Trauben durch die Weinberge, sagt Georg Bielig. Dieses Jahr gebe es fünf bis zehn Grad Oechsle mehr bei der Ernte. "Erschreckend", meint der Winzer. Für seine leichten weißen Sommerweine kann er so hohe Werte nicht brauchen. "Es macht keinen Spaß, auf der Terrasse zu sitzen und einen Weißwein mit 14,5 Volumenprozent Alkohol zu trinken."

Mit dem Müller-Thurgau liegt er bei 87 Grad Oechsle, der Weißburgunder hat 94. Die Lage "Im Laubelt" sei interessant, erklärt Bielig. Der Nebel verziehe sich hier später als sonst in den Weinbergen, das Mostgewicht sei immer ein wenig niedriger.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung