11.10.2012

Bürger können den "Tunnelblick" wagen

Von Carsten Blaue

Schriesheim. Der Branichtunnel wird jeden Tag ein Stückchen länger. Die Mineure haben die Röhre schon 682 Meter weit in den Berg in Schriesheims Nordosten gesprengt, der dem Tunnel seinen Namen gibt. Dieser ist mit kalkulierten 85 Millionen Euro das teuerste Projekt im Landesstraßenbau. Das Regierungspräsidium Karlsruhe (RP) erlaubt allen Interessierten am kommenden Sonntag, 14. Oktober, am Westportal unweit des Schriesheimer Friedhofs einen Blick in den Tunnel.

Von 11 bis 16 Uhr kann man die ersten 50 Meter besichtigen, Führungen gibt es aus Sicherheitsgründen aber nicht. Dafür jedoch Informationen aus erster Hand. Vertreter des RP werden vor Ort Fragen zum Tunnelbau beantworten. Zudem gibt es einen Film, der die Bauphasen erläutert.

Der Branichtunnel soll den Vorderen Odenwald östlich der Bergstraße besser an die Rheinebene anbinden. Noch rollt der Verkehr mitten durch Schriesheim auf der maroden und viel zu engen Talstraße, der L 536. Die Wohnhäuser stehen direkt an der Fahrbahn, Gehwege gibt es hier kaum, und wenn sich Lastwagen und Busse begegnen, geht so gut wie gar nichts mehr. Zudem stieg die Verkehrsbelastung in den vergangenen Jahrzehnten stetig an. Bis zum Jahr 2015, in dem der Branichtunnel fertig werden soll, rechnen Verkehrsgutachter nach Angaben des RP mit 14 200 Fahrzeugen pro Tag.

Schon seit den 50er Jahren kämpften die Schriesheimer für eine Ortsumgehung, erst 1995 wurde sie als "Vordringlicher Bedarf" in den Generalverkehrsplan" des Landes aufgenommen. Das Planfeststellungsverfahren wurde im November 2000 eingeleitet, vier Jahre später lag der Planfeststellungsbeschluss auf dem Tisch. Als der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger im Dezember 2006 die Zusage zum Tunnelbau gab, knallten in Schriesheim die Sektkorken. Es dauerte weitere zwei Jahre bis zum ersten Spatenstich. Danach wurden zunächst Brücken, Wirtschaftswege und die Tunnelzufahrt samt Autobahnzubringer gebaut. Der Tunnelbau selbst, der mit 57 Millionen Euro Kosten auch finanziell das Herzstück des Projekts ist, begann dieses Jahr mit dem Tunnelanstich am 1. Februar.

Die zweispurige Röhre wird 1796 Meter lang, 1576 Meter davon werden im bergmännischen Vortrieb hergestellt, also durch Sprengungen. Daneben wird zeitgleich ein 1200 Meter langer Fluchtstollen gebaut, der mit dem Tunnel an vier Stellen verbunden wird. Insgesamt müssen die Bergleute rund 170 000 Kubikmeter Granit aus dem Branich sprengen. Das Material soll auch im Straßenbau weitere Verwendung finden. Gearbeitet wird Tag und Nacht. Zurzeit gibt es täglich drei Zündungen. Jede einzelne Detonation wird genau dosiert. Die Geologie sowie das Ausmaß der Erschütterung bestimmen, wie viel Emulsionssprengstoff im Berg verwendet wird. Meist sind es zwischen 150 und 200 Kilogramm. Zwischen April und Juni kommenden Jahres wollen die Tunnelbauer das Ostportal erreichen. Danach muss noch die Sohle es Tunnels herausgesprengt und die Verschalung der Röhre mit Beton ausgegossen werden. Laut Zeitplan soll der Rohbau Ende des Jahres 2014 fertig sein.

Danach wird im Tunnel die Verkehrs- und Sicherheitstechnik eingebaut, die alle Anforderungen erfüllen soll - von der Videoüberwachung über Rauchmelder und Funk bis hin zu Halbschranken, die automatisch schließen, wenn es im Tunnel brennt.

Schon jetzt macht man sich in Schriesheim Gedanken über die Zeit nach der Eröffnung des Tunnels. Gerade der Einzelhandel befürchtet, dass in Zukunft nicht nur der Verkehr, sondern auch die Kundschaft an der Stadt vorbeirollt. Dem will Schriesheim zunächst städtebaulich begegnen. Die Verwaltung hat Teile der Talstraße und den Festplatz, auf dem jedes Jahr der Mathaisemarkt gefeiert wird, in ein Sanierungsgebiet integriert. Zudem will Schriesheim das Stadtjubiläum im Jahr 2014 dazu nutzen, auch regional verstärkt Werbung in eigener Sache zu machen - 1250 Jahre nach der urkundlichen Ersterwähnung.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung