15.10.2012

Familienausflug in den Branichtunnel

Von Carsten Blaue

Schriesheim. "Ich schätze mal, es waren heute mehrere Tausend", sagte der Leiter des Baureferats Nord beim Regierungspräsidium Karlsruhe (RP), Peter Siepe, und war selbst etwas überwältigt von der großen Resonanz. Das RP ermöglichte gestern allen Interessierten am Westportal einen Blick ins Innere des Branichtunnels und stillte den Informationsbedarf über den Bau der knapp 1800 Meter langen Röhre sowie der L 536 "neu". Nicht nur für Familien war es ein einzigartiger Sonntagsausflug. Keiner, der die Chance nutzte, die Baustelle aus der Nähe zu betrachten, dürfte diesen Tag so schnell vergessen.

Der Weg zum Tunnel führte zunächst an den Ständen von Fath's Backwahn und dem Cateringservice Forschner vorbei. Sie sorgten nicht nur für das leibliche Wohl der Besucher, sondern gaben dem Ganzen einen Hauch von Baustellenfest. Viele ließen an den Stehtischen ihre Eindrücke Revue passieren und freuten sich über ihr ganz persönliches Stück Branich. Eine Baggerschaufel voller Granitgestein in Faust- und Tellergröße stand bereit: "Bitte greifen Sie zu", ermutigte ein Schild dazu, sich ein Stück Stein mitzunehmen, das für den Tunnel aus dem Berg gesprengt wurde. Die Andenken waren beliebt.

Gleich daneben stand ein großes Zelt, auf dessen Schmalseite ein Plan des Tunnels im Maßstab 1:500 aufgehängt war. Demnach befindet sich die Ortsbrust, also die Stelle, an der sich der 90 Quadratmeter große Ausbruchsquerschnitt gerade im Berg befindet, genau unter dem Anwesen im Buchenhain 20. Der Tunnel unterquert die Branichbebauung in 80 bis 100 Metern Tiefe. Wer solche Fragen aus erster Hand beantwortet wissen wollte, der hatte im Zelt dazu die Möglichkeit an drei Info-Ständen. Hinter jedem Pult wartete mindestens einer der "Tunnelbauer" und gab auf Wunsch Auskunft. Zur besseren Organisation und Orientierung war jedem Stand ein bestimmtes Thema zugeordnet. Alexej Friesen beantwortete Fragen zum "Ostportal und zum Straßenbau", Volker Staudacker war Ansprechpartner für "Allgemeines" zum Tunnel, und Bauleiter Ralph Eckerle sowie Frank Wilke waren die Experten, die über "Geotechnik und Tunnelvortrieb" informierten. Daneben liefen auf Flachbildschirmen "Diashows" von der Baustelle: "Die Bürger freuen sich über dieses Angebot. Wir bekommen alle Arten von Fragen gestellt: 'Wie weit seid Ihr?', 'Wann werdet Ihr fertig?'. Es geht quer Beet", sagte Eckerle.

Die Gastro-Stände waren dort aufgebaut, wo einmal die neue L 536 in den Tunnel führen wird. Das Zelt stand quasi auf Höhe des künftigen Tunneleinfahrt. Weiter hinten ging es in die dunkle Röhre im Berg. Direkt davor standen wie im Spalier die großen orangefarbenen Baufahrzeuge und auch der Bohrer, der die Ortsbrust für die Sprengungen perforiert. Die Geräte waren ein beliebtes Fotomotiv. Gerade große und kleine Jungs ließen sich gerne davor ablichten. Diesen besonderen Moment wollte man einfach festhalten.

Auch drinnen in der von etwas Tageslicht und Neonröhren erhellten Dunkelheit des Gewölbes wurde eifrig geblitzt und gefilmt. Rund 50 Meter weit durften die staunenden Besucher in den Berg. Dahinter verlor sich der Blick im weiteren leicht rechtskurvigen Verlauf des Tunnels, der bereits an die 700 Meter lang ist. Schon auf den ersten Metern wurde es recht duster.

Das nutzte das RP geschickt, um im Halbstundentakt einen Info-Film auf einer Riesenleinwand zu präsentieren, der die vier Bauphasen erläuterte und alles Wissenswerte zu den Sprengungen sowie zu den 17 000 LKW-Ladungen Granit vermittelte, die aus dem Berg geschafft werden müssen. Auf den Bauablauf und selbst auf die Erschütterungsmessungen auf dem Branich ging der Film ein. Auch die Notwendigkeit des Tunnelbaus wurde erläutert; von 14 000 Fahrzeugen täglich war die Rede, die meist im Durchgangsverkehr die Talstraße passieren. Die Röhre soll hier Entlastung schaffen. Sprengmeister Heinrich Angerer kam zu Wort und ebenso Bauleiter Eckerle. Am Anfang des Films grüßte Regierungspräsidentin Nicolette Kressl persönlich die Baustellenbesucher, die nach den Vorführungen klatschten. Auch Siepe war zufrieden: "Wir sind Jahre lang die Nachbarn der Schriesheimer in 'Nord', auf dem Branich und am Ostportal. In einer guten Nachbarschaft gibt es manchmal Stimmungsschwankungen. Aber im Grunde sollte man sich vertragen. Das tun wir, und wir haben gemerkt, dass wir auch eine neue Form brauchen, um die Bürger zu informieren." Diese nahmen das Angebot offensichtlich gerne an.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung