17.10.2012

"Nicht gegeneinander ausspielen"

"Nicht gegeneinander ausspielen"

Architekt Peter Karl Becher nutzte die Bürgerbeteiligung, um seine Vorstellung von der künftigen Zehntkellerfassade einzureichen. Plan: Peter Karl Becher, Freier Architekt, Schriesheim
von Carsten Blaue

Schriesheim. Der Ausschuss für Technik und Umwelt (ATU) wird sich in den nächsten 14 Tagen nochmals hinter verschlossenen Türen zusammensetzen, um über die neue Fassadengestaltung des Zehntkellers zu beraten. Das war das Ergebnis der Sitzung von Montagabend - nach einer Diskussion, die Stadtbaumeisterin Astrid Fath hörbar missfiel. Das Projekt birgt mittlerweile Konfliktstoff, und das nicht nur, weil der Zehntkeller nicht gerade irgendein Gebäude ist.

Er ist Stadtgeschichte, seine Gewölbe sind Orte gesellschaftlicher und kultureller Ereignisse, und nicht zuletzt ist er ein Stück Heimat der Winzergenossenschaft (WG). Also wollte die Verwaltung die Bürger im Vorfeld einbeziehen, wenn es nun um die Neugestaltung seines Entrées geht. Allerdings lief diese Bürgerbeteiligung wohl etwas anders, als man es im Rathaus erwartet hatte. Denn es blieb nicht bei den zwei positiven Stellungnahmen aus der Bevölkerung zu einem Entwurf des Schriesheimer Architekten Manfred M. Fischer, der im Auftrag der Stadt gestalterische Ideen für die Zehntkellerfassade vorlegen sollte - als "Denkanstoß", wie Bürgermeister Hansjörg Höfer schon im Juli sagte. Im Rathaus ging überdies die Planung eines Profis ein, da Fachleute dabei nicht außen vor waren. Peter Karl Becher heißt der Architekt. Er wohnt auf dem Branich und hat Büros in London und in Schriesheim. Damit gibt es nun drei Varianten zur Auswahl oder Kombination, nämlich zwei von Fischer und eben den Vorschlag von Becher. So sah es zumindest ATU.

Fath spricht bei Bechers Entwurf lieber von "Fassadenkonzept", wie sie gestern am Tag nach der Sitzung im RNZ-Gespräch sagte. Becher griff Teile der Fischer-Planung auf, etwa die größere Fahrzeughalle für die WG. Eigene Akzente setzte Becher etwa mit einer kompletten Fassadenbekleidung aus Sandstein und einem Bogenfenster oberhalb des Kleinen Kellers. Fath wünscht sich im Ergebnis "einen gesunden Mix der Planungen". Das Problem dabei ist das Urheberrecht. Wollte man Elemente von Becher in die künftige Gestaltung einbeziehen, müsste die Stadt auch ihm seine Pläne abkaufen. Zudem will Fath vermeiden, "dass jetzt zwei Architekten gegeneinander ausgespielt werden." Genau den Eindruck bekam sie aber in der ATU-Sitzung.

Die Aussprache begann mit einleitenden Worten von Bürgermeister Hansjörg Höfer. Er begründete die zeitliche Verschiebung des Projekts, das mit der Dachsanierung des Zehntkellers einhergeht. Eigentlich sollten die Arbeiten im Dezember beginnen, aber: "Ich will hier keine Baustelle, solange der Umbau des katholischen Pfarrzentrums nicht abgeschlossen ist", so Höfer. Also ist der Zehntkeller wohl erst nach dem nächsten Mathaisemarkt dran. Doch wie wird die Fassadenplanung dann aussehen?

Fath lobte Bechers Entwurf als modern und ansprechend, warnte aber vor den Kosten - etwa für eine komplette Sandsteinverblendung. Auch FW-Stadtrat und Architekt Alfred Burkhardt sprach von einer "schlichten, tollen Variante", entgegnete aber der Stadtbaumeisterin: "Man sollte nicht einfach Fischer beauftragen und Bechers Idee mit dem Hinweis auf die Kosten abtun." Das brachte Fath auf. Gar nichts wolle sie "totreden": "Es geht hier aber um mehr, auch um die Kostenfrage."

"Müssen wir heute überhaupt eine Empfehlung für einen Entwurf abgeben?", fragte Paul Stang (CDU) in die Runde. Er jedenfalls könne das nicht, zumal seine Fraktion darüber noch gar nicht beraten habe. "Ich seh' die Planung von Becher zum ersten Mal", meinte Christian Wolf (GL). "Modelle wären ganz gut", ergänzte seine Fraktionskollegin Gisela Reinhard. Und Karl-Heinz Schulz (SPD) schlug vor, aus den drei Varianten nun das Beste herauszudeuten. In einem Projektausschuss, schlug Höfer vor. "Nicht wieder einen Arbeitskreis", seufzte Sebastian Cuny (SPD). Im ATU müsse man darüber diskutieren. Man verlöre dafür im Zeitplan höchstens einen Monat.

Die Freien Wähler (FW) dürften in der Sondersitzung ihre Skepsis erneut vortragen, die sie schon bei der ersten Aussprache zu Fischers Entwürfen im Juli äußerten (RNZ vom 18. Juli) und am Montag wiederholten: "Diese drangesetzten Elemente gefallen mir einfach nicht. Das ist bei Becher besser", so Jutta Becker. Heinz Kimmel fragte, ob Fischers Entwurf überhaupt konform gehe mit der Altstadtsatzung. "Der Kanzelbachsteg entspricht auch nicht der Altstadtsatzung", erwiderte Höfer. Auch in Fischers Planung gebe es Ausnahmen, die man mittragen könne. Darauf Kimmel: "Wilhelm Gassert durfte damals in der Herrengasse auch kein Stahltor bauen."

Nach der Sitzung wurde auf den Rathausfluren noch die Kritik laut, dass die Stadt sich auf Architekt Fischer festgelegt habe: "Das geht so nicht bei einem 400 000 Euro-Projekt", sagte ein Stadtrat. Dazu Fath gestern auf Anfrage: "Wir haben bewusst keinen Architektenwettbewerb gemacht, um Kosten zu sparen." So ein Verfahren könne mit ausgelobten Preisgeldern schon mal 50 000 bis 100 000 Euro kosten.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung