22.10.2012

"Entschleunigung" in der Schule auf dem Berg

Von Stephanie Kuntermann

Schriesheim. "Es ist eine Weiterentwicklung und keine Rückkehr zum bisherigen neunjährigen Gymnasium", sagte Bildungsministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) im Januar. Per Kabinettsbeschluss wurde damals festgelegt, dass an einigen Schulen im Land neben dem achtjährigen Gymnasium (G 8) auch wieder das alte neunjährige System (G 9) angeboten werden soll.

Angelegt ist das Ganze als Modellversuch. Genau 22 Schulen nehmen ab diesem Schuljahr landesweit daran teil, weitere 22 sollen im nächsten Herbst folgen. Eine davon ist das Heinrich-Sigmund-Gymnasium (HSG), dessen Leiter Dr.Wolfgang Metzger am Ende eines zähen Papierkriegs die Genehmigung zur Teilnahme erhielt.

"Es ist ein Interesse da", weiß er. Seine Schule habe "überproportional viele Anfragen" bekommen, bereits jetzt gebe es Anmeldungen für die künftige fünfte Klasse. "Die Schulen, die schon G 9 anbieten, wurden geradezu überrannt", sagt Metzger. Er sieht darin eine Fortsetzung dessen, was im Schuljahr 2011/2012 mit dem Doppel-Abitur beendet wurde: "Nämlich G 8 und G 9 parallel zu unterrichten, und das haben wir mit Erfolg gemacht." Argumentativ weiß er sich auf einer Linie mit dem Philologenverband, der dem achtjährigen Gymnasium kein gutes Zeugnis ausstellt: Durch den dichten Stundenplan fehle den Schülern die Zeit für Hobbys und soziales Engagement. G 8 benachteilige die Jungen, die in der Pubertät mehr Zeit brauchten: Schlechtere Leistungen seien die Folge, außerdem studierten weit weniger Männer als Frauen Fächer wie Medizin.

Das Argument, durch G 8 würden die Ausbildungszeiten verkürzt, lässt Metzger nicht gelten: "Sehr viele machen nach dem Abitur ein soziales Jahr oder ,work and travel', weil sie nicht wissen, was sie machen sollen." Altersmäßig würden die G 9-Abiturienten im OECD-Schnitt auch nicht ganz oben, sondern genau im Mittelfeld liegen.

Eine längere Schulzeit könnte schließlich für Kinder Vorteile bringen, die keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen haben - wegen des Wegfalls der verbindlichen Grundschulempfehlung aber trotzdem eines besuchen dürfen. Wie sich das auswirken wird, weiß Metzger jetzt noch nicht: "Das sind unsere ersten Fünftklässler ohne verbindliche Empfehlung. Für eine Beurteilung ist es noch zu früh."

Jedenfalls soll der Stundenplan in der Unter- und Mittelstufe "entschleunigt" werden. Die zweite Fremdsprache wird bei G 9 nicht mehr in der sechsten, sondern in der siebten Klasse eingeführt, ebenso wie das Fach Geschichte. Chemie kommt in der neunten statt wie bei G 8 in der achten Klasse dazu.

"Entschleunigt" hört sich auch der zeitliche Rahmen des Schulversuchs an. Er soll im Schuljahr 2027/28 enden, wenn der letzte der daran beteiligten Schüler sein Abitur macht.

Fi Info: Informationsabende zum Schulversuch finden statt am 17. November 2012 und am 29. Januar 2013, jeweils um 19.30 Uhr, im HSG.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung